Meinung
Gastbeitrag

Afghanischen Frauen und Kindern eine Zukunft geben!

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Axel Limberg
Axel Limberg mit seinen vom ihm betreuten Flüchtlingen.

Axel Limberg mit seinen vom ihm betreuten Flüchtlingen.

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Deutschland muss gefährdete Menschen aufnehmen. Wie vier betroffene Frauen darauf warten, zu ihren Hamburger Familien zu kommen.

Ich kenne eine junge Frau, die versteckt sich in Kabul und wartet auf den Tod. Sie hat im Sommer Abitur gemacht, sich dabei als Schulsprecherin für die Bildung von Mädchen starkgemacht. Parallel dazu hat sie drei Deutschkurse mit Bravour bestanden. In einem der Zertifikate ist auch von einem außergewöhnlich guten Sozialverhalten die Rede.

Wenn die Taliban R. finden, steht ihr eine Zwangsheirat mit einem Terroristen bevor. Die pakistanischen Taliban nutzen dies als Mittel zum Zweck – sie bekommen dadurch die afghanische Staatsbürgerschaft und dürfen eine Frau ihr Leben lang vergewaltigen. Die ehemalige Schulsprecherin wird sich vorher umbringen. Das ist besser für sie.

Afghanistan: Auch Deutschland hat die Menschen im Stich gelassen

Deutschland ist für die chaotische Behelfsrettung aus Afghanistan mitverantwortlich. Wir haben die Menschen vor Ort im Stich gelassen. Viele hätten sich über die Grenzen flüchten können, wenn der Evakuierungseinsatz länger geplant und koordiniert abgelaufen wäre. Die Militärgemeinschaft hat versagt, und Deutschland war dabei. Es ist jetzt dringend an der Zeit, den Schaden zumindest für einzelne Menschen zu begrenzen.

Ich kenne eine junge Frau, die versteckt sich in Masar-e Scharif und wartet auf den Tod. Sie wollte 2022 Abitur machen und gehört zu einer Familie, die vor ein paar Jahren einen Talibananschlag auf die Vertretung der Europäischen Union in Kabul verhindert hat. Die Familie hat große Opfer dafür erbracht – es hat Menschenleben gekostet, es gab Folter, nichts war für sie mehr wie zuvor. Seitdem die Familie den Tod vieler Europäer verhindert hat, stehen alle auf einer Todesliste. Wenn die Taliban S. finden, wird sie entsprechend getötet.

Auch Deutschland hat den jungen Menschen, die in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan zur Schule gehen konnten, eine Zukunft versprochen, die es jetzt nicht – und wohl nie – geben wird. Es ist ein Gebot der Verantwortung, nun schnell zu helfen und Schutz zu gewähren. Dies ist eine Frage der Menschlichkeit. Die Frauen und Kinder, die dort auch wegen ihrer Bildung in besonderer Gefahr leben, würden Deutschland wirtschaftlich guttun. Unser Land braucht qualifizierte Einwanderung. Der Hamburger Handwerkskammer fehlen beispielsweise in fast allen Berufen Azubis. Mehr als 20 Prozent der Auszubildenden auf Hamburgs Baustellen haben einen Fluchthintergrund. Ohne geflüchtete Menschen würden weniger Häuser gebaut, weniger Brötchen verkauft, weniger alte Menschen gepflegt werden.

Die Taliban verachten kluge Frauen

Ich kenne eine junge Frau, die versteckt sich in Kandahar und wartet auf den Tod. Sie ist 23 Jahre alt und hat zwei Universitätsabschlüsse. Sie war jeweils Jahrgangsbeste, hat infolge ihrer herausragenden Leistungen Stipendien der US-Amerikaner erhalten. Sie spricht fließend Englisch und hat letzte Woche alle ihre Abschlussdokumente aus Angst verbrannt. Die Taliban verachten kluge Frauen. Sie wäre eine würdige Präsidentin für Afghanistan. Wenn die Taliban A. finden, werden sie versuchen, sie zu brechen. Sie überlegt, ob Selbstmord dann der bessere Weg sei.

Deutschland hat sich an der Situation der Frauen und Kinder in Afghanistan mitschuldig gemacht. Wir müssen besonders gefährdeten Afghan*innen mit einem Bundesaufnahmeprogramm eine Zukunft geben. Die neue Bundesregierung muss die Mitverantwortung für die Situation anerkennen und schnell handeln, um noch mehr Tod und Leid zu verhindern. Schaffen wir legale Fluchtwege und eine kontrollierte Migration – zum Schutz der Schwächsten.

Hamburg braucht ein Landesaufnahmeprogramm

Ich kenne eine junge Frau, die versteckt sich in Herat und wartet auf den Tod. Sie hat bis zuletzt als Menschenrechtlerin gearbeitet, ist jede Woche in die umliegenden Dörfer gefahren und hat versucht, die Probleme der Frauen zu lösen. Sie hat Bildungsseminare zu Frauenrechten und zur Verhinderung von Kinderkriegen organisiert. Wenn die Taliban S. finden, werden sie sie töten.

Alle vier Frauen wurden auf die Evakuierungsliste des Auswärtigen Amtes gesetzt. Alle haben seit Wochen nicht einmal eine Eingangsbestätigung auf ihr dringendes Ersuchen erhalten. Die Brüder der vier Frauen leben in Hamburg. Sie sind bestens integriert und großartige Menschen. Es ist ganz und gar möglich, dass ihre gebildeten Schwestern in unserer Stadt ähnliche Wege gehen werden. Hamburg braucht ein großzügiges Landesaufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige afghanische Frauen und Kinder.

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