Meinung
Leitartikel

Union: Söder hat den Leitwolf Laschet weggebissen

| Lesedauer: 4 Minuten
Miguel Sanches
Miguel Sanches, Politik-Korrespondent.

Miguel Sanches, Politik-Korrespondent.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Armin Laschets Autorität wurde monatelang untergraben. Was in der Union geschieht, erinnert an die frühere SPD. Die hat Lehren gezogen.

Laien mögen glauben, CDU-Chef Armin Laschet müsse zurücktreten. Sofort! Aber ein guter Rückzug ist ein geordneter Rückzug. Alles andere ist Panik.

Es gab am Wahlsonntag und bei der Abstimmung über den Vorsitz der Unionsfraktion die Chance zu einer schnellen Lösung: Tabula rasa – und eine neue Nummer eins in Stellung bringen. Chance vertan. Es kam anders, völlig anders: ein provisorischer Fraktionschef und ein Parteichef auf Abruf. Nun wird der Neuaufbau halt seine Zeit brauchen.

Die CDU braucht klare Verhältnisse und Geschlossenheit. Das ist sie ihren Wahlkämpfern schuldig, die bereits im Frühjahr 2022 an der Reihe sind. Die Partei braucht außerdem eine ehrliche Analyse der Wahlniederlage. Diese Lektion in Demut machte ihr die SPD 2018 vor.

Nüchtern betrachtet spricht mehr für eine Ampel

Es hat tragikomische Züge, wie Laschet bis heute an „Jamaika“ glaubt. Der erste Insulaner wartet und wartet auf FDP und Grüne. Wo bleiben sie nur?

Nüchtern betrachtet spricht mehr für eine Ampel als für das andere Bündnis. Mit jeder neuen Sondierung, mit jedem Gespräch wird der Rückweg länger. Die Ampel wird nicht an Weltanschauungen scheitern. Das größte Problem ist das Geld, sind die Folgen der Verschuldung in der Pandemie. Mit der Rückkehr zur Schuldenbremse ab 2023 wird der finanzpolitische Spielraum schmal. Es wird Geld fehlen für die Bundeswehr, den Verkehr, Steuersenkungen und für viele Projekte. Vor den gleichen Problemen stünden Grüne und FDP indes auch in einer Koalition mit der Union. Darüber hinaus wäre es erklärungsbedürftig, jemandem zur Kanzlerschaft zu verhelfen, der nicht mal Spitzenkandidat war; und genauso schwierig, Laschet zum Regierungschef zu machen, da dessen Autorität im eigenen Lager schwindet.

Dss Pendel kann weiter nach links ausschlagen

Die SPD verhandelt geräuschlos und geschlossen, sie stellt sieben Ministerpräsidenten und regiert in zehn Bundesländern. In den drei Ländern, in denen Anfang 2022 Wahlen anstehen, haben die Christdemokraten am meisten zu verlieren. Mithin kann das Pendel weiter nach links ausschlagen. Die Union hat im Wahlkampf so prononciert vor einem Linksbündnis gewarnt, dass die Ampel nachgerade wie eine Koalition der Mitte anmutet. Die CDU kann darob dazu verleitet werden, nach rechts abzudriften.

Wenn erfolgsverwöhnte Landeschefs nach Berlin wechseln, glauben sie meist, dass sie das gleiche Spiel bloß mit höherem Einsatz spielen: Probleme im Weltmaßstab, mehr Mitspieler und bei den Summen ein paar Nullen dazu. Der dramatischste Unterschied zwischen der Landes- und Bundesebene wird notorisch unterschätzt: Auch die Rücksichtslosigkeit ist größer. Schon der gescheiterte SPD-Chef Kurt Beck mahnte nach seinen Berliner Erfahrungen, die Partei dürfe kein Wolfsrudel sein, in dem ausgebissen wird, wer die Führungsrolle hat. Dem würden Annegret Kramp-Karrenbauer und Laschet wohl beipflichten. Die Führungskultur ist im Bund eine andere, genauer gesagt ist es eine Unkultur.

Wichtiger Grund für das Scheitern Laschets: Söder

Für das Scheitern Laschets gibt es viele Gründe, konzentrieren wir uns auf drei wichtige: Söder, Söder, Söder. Der CSU-Chef hat die Ernennung eines Kanzlerkandidaten verzögert und Laschets Autorität monatelang untergraben. Söder hat ein wölfisches Rollenverständnis. Er hat in Bayern Horst Seehofer weggebissen und im Bund Laschet. Unter Druck wurde der nicht besser, sondern schlechter, er verlor Ruhe und Leichtigkeit.

Scharping, Lafontaine, Platzeck, Beck, Nahles, Schulz sind weitere Beispiele für weggebissene Leitwölfe. Die verletzende Seite der Politik kennt die SPD zur Genüge. Andere Parteien sollte es interessieren, ob die so geschlossene Sozialdemokratie unter Olaf Scholz zu einer kameradschaftlichen Führung findet. Schön wär’s.

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