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Wer verliebt sich neu in die Nationalelf?

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Alexander Laux
[..HA Redakteure.]

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Foto: Mark Sandten

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft braucht wieder eine besondere Identität, um die Herzen der Fans zu gewinnen.

Hamburg. Bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, Weihnachten zweimal im Jahr feiern zu lassen, weil das Fest doch so schön und außergewöhnlich ist. Oder die Wahlen zum Bundestag im Zweijahresrhythmus durchzuführen, um die Bürgerinnen und Bürger quasi in Dauerschleife mit Wahlkampf und Koalitionsverhandlungen zu bespaßen und die Politiker unter Dauerdruck zu setzen.

Im Fußball ist alles anders.

Nations League ist ein künstlicher Wettbewerb

Die Idee der Fifa, die WM-Taktung von vier auf zwei Jahre zu reduzieren – warum nicht gleich mit 64 statt 32 Teilnehmern? – ist absurd. Aber sie zeigt vorbildlich, wie sich ein Wettbewerbsgeschwür unerbittlich im Fußball ausgebreitet hat mit Folgen, die längst auch in Deutschland angekommen sind.

Wussten Sie beispielsweise als normal Sportinteressierter, dass in dieser Woche im Rahmen eines Finalturniers der Sieger der Nations League ausgespielt wird? Ach, Sie wissen nicht, was die Nations League ist? Ein 2018 vom europäischen Fußballverband Uefa geschaffener künstlicher Wettbewerb. In der kommenden Saison muss die deutsche Nationalmannschaft vier Spiele im Juni bestreiten, direkt nach dem Bundesliga-Showdown, dem Pokal- und Champions-League-Finale.

Selbst Müller hat Termine nicht mehr drauf

„Ich dachte, da habe ich frei“, gab Thomas Müller offen zu, dass selbst er als Nationalspieler die Termine nicht mehr draufhat. Kleiner Tipp an dieser Stelle: Viel vornehmen sollte sich Müller 2022 sowieso nicht. Nach dem letzten Bundesliga-Spieltag des Jahres (11.–13. November) bleiben ihm und seinen Kollegen nur acht Tage bis zum Start der Winter-WM in Katar. Noch so ein schlechter Witz.

Für die Spieler ist die Entwicklung bedrohlich angesichts der steigenden Belastungen. So unbedeutend beispielsweise die Nations League auch ist, so stehen sie auch dort unter Leistungsdruck. Eine gezielte Vorbereitung ist angesichts der Terminhatz ohnehin kaum möglich, wie auch jetzt nicht vor dem Länderspiel in Hamburg heute Abend gegen Rumänien. Dennoch sollen die Profis Top-Leistung abrufen. Sie sind ja die Besten des Landes.

Ein Meer aus Reizüberflutungen im Fußball

In diesem Spannungsfeld auf der anderen Seite steht der Fußballfan, der jeden Tag im Fernsehen mit Sportangeboten und auch unsinnigen Wettbewerben wie dem drittklassigen Europacup „Conference League“ überschüttet wird. Ist er noch nicht völlig abgestumpft oder hat sich noch nicht vom Fußball losgesagt, erwartet er – womöglich als leidgeprüfter HSV-Anhänger – heute von der DFB-Auswahl etwas Besonderes, einen Kick, der aus dem Meer an Reizüberflutungen heraussticht. Einen Fußball-Festtag.

In unseren Zeiten, in denen für viele Menschen das Normale nicht mehr gut genug ist, stehen der neue Bundestrainer Hansi Flick und seine Spieler vor eine Herkulesaufgabe. Sie müssen nicht nur Siege und idealerweise Titel einfahren (wie bei der WM 2014), sie müssen sie auch noch auf ästhetische Art und Weise erringen. Und vor allem braucht die Nationalmannschaft eine neue Identität, eine neue Story, für die sich die Deutschen begeistern können.

Das Team muss Herzen der Menschen berühren

Um die Massen zu erreichen, muss das Team die Menschen im Herzen berühren. Ähnlich wie in den Nullerjahren, als Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und Oliver Bierhoff mit jungen, unbekümmerten Wilden wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger, die nahbar wirkten, ein ganzes Land in Bewegung setzten. Wohl niemand wird die WM 2006 in seiner Erinnerung als Misserfolg verbuchen, sondern als rauschendes Fest, als Aufbruch in eine neue Fußball-Ära, die 2014 mit dem WM-Titel endete.

Doch diese Geschichte zu schreiben wird schwer angesichts der Rahmenbedingungen. Die Zeit bis zur WM in Katar ist viel zu kurz, um sich neu erfinden zu können. Eineinhalb Jahre später beginnt dann die EM im eigenen Land. Spätestens dann werden die Vergleiche hochkommen: 2006 war super, aber was habt ihr uns dieses Mal zu bieten?

Rückkehr zu Wurzeln könnte Zuneigung schaffen

Vielleicht das: die Rückkehr zu den Wurzeln. Ehrlichen, mutig-offensiven Fußball eines Kollektivs ohne gekünstelte Marketingmaßnahmen. Das könnte der Nährboden sein für Geduld unter den Fans. Und neue Zuneigung.

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