Meinung
Die Wilden Zwanziger

Die Mitternachtsbibliothek: Was wäre gewesen, wenn ich …

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann  (29) ist Redakteurin  des Abendblatts.

Annabell Behrmann (29) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Häufig kann eine einzige Entscheidung alles verändern. Zum Guten? Zum Schlechten? Ein Roman gibt eine überraschende Antwort.

Hamburg. Ich glaube, so gut wie jeder von uns hat sich schon einmal die Frage gestellt: Was wäre gewesen, wenn ...? Wie hätte das Leben ausgesehen, wenn ich mich für den anderen Weg an der Gabelung entschieden hätte? Wäre es anders verlaufen? Besser?

Mit diesem Thema beschäftigt sich der Roman „Die Mitternachtsbibliothek“ von dem britischen Autor Matt Haig. Eine Freundin hat mir dieses Buch empfohlen. Als Leserin habe ich harte und deprimierende Zeiten mit der Protagonistin durchlebt – am Ende war die Botschaft des Romans aber so positiv und lebensbejahend, dass ich sie unbedingt teilen möchte.

Auch wenn ich in dieser Kolumne viel vorwegnehmen werde, lohnt es sich dennoch, das Werk selbst zu lesen.

In der Bücherei des Lebens nachlesen

Nora Seed möchte nicht mehr weiterleben. Sie fühlt sich einsam und von niemandem geliebt, sie verliert ihren Job, und dann stirbt auch noch ihr einziger Weggefährte – ihr Kater. Die junge Frau bereut mit Mitte 30 so ziemlich alles, was sie in ihrem Leben getan bzw. nicht getan hat. Sie beschließt, ihrem Dasein ein Ende zu setzen, schluckt einen Tablettencocktail – und landet in der Mitternachtsbibliothek.

Dort reihen sich in den Regalen unendlich viele Bücher aneinander. Sie stehen für all die Leben, die Nora hätte führen können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte. Die gefeuerte Mitarbeiterin eines Musikladens bekommt so die Möglichkeit herauszufinden, wie anders ihre Geschichte hätte verlaufen können. Jedes Buch bringt sie in ein anderes Leben. Alles, was sie bereut, nicht gemacht zu haben, kann sie nun erleben.

Sie schlüpft in das Leben, in dem sie ihren Freund Dan doch nicht kurz vor der Hochzeit verlassen und stattdessen mit ihm gemeinsam ein Pub eröffnet hat – und stellt fest, dass sich ihr Ehemann in einen widerlichen Trinker verwandelt hat, der sie betrügt. In einem anderen Leben ist sie mit ihrer Freundin Izzy nach Australien ausgewandert – doch plötzlich ist Nora ganz allein, weil ihre Freundin bei einem Autounfall gestorben ist.

Die Mitternachtsbibliothek: Kein Leben ist perfekt

Und was wäre gewesen, wenn sie nicht aus der gemeinsamen Band mit ihrem Bruder ausgestiegen wäre, will Nora wissen – die Antwort, die sie in einem der Bücher erhält, erscheint zunächst begehrenswert: Dann wäre sie ein berühmter Rockstar geworden. Allerdings ohne ihren Bruder Joe, der mit dem Ruhm nicht klargekommen und an einer Überdosis gestorben ist.

So hüpft Nora von Buch zu Buch, von Leben zu Leben. Nirgendwo fühlt sie sich wirklich zu Hause. Am Ende kehrt sie in ihr ursprüngliches Leben zurück, aber mit einem neuen Bewusstsein. Plötzlich erkennt sie die schönen Seiten, hört auf, ihre Entscheidungen zu bereuen. Lebt einfach. Der Roman führt einem so wunderbar vor Augen: Kein Leben ist perfekt. Es aus einer anderen Perspektive zu betrachten kann aber alles verändern.

Die Fülle an Möglichkeiten lähmt viele

Auch ich habe mich schon gefragt: Was wäre aus mir geworden, hätte ich auf Lehramt studiert anstatt Journalismus? Wenn ich nicht in Hamburg geblieben, sondern nach München gezogen wäre? Wenn ich die Einladung meines heutigen Freundes zum Tennisturnier am Rothenbaum ausgeschlagen hätte? Die Antwort ist: Ich habe keinen blassen Schimmer. Ich weiß es einfach nicht, wie mein Leben dann ausgesehen hätte. Deswegen bringt es auch nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

In einer Welt voller Möglichkeiten haben viele Menschen das Gefühl, ständig etwas zu verpassen. Sie können alles werden: Ärztin, Handwerker, Erzieher, Mutter, Ehemann, Foodbloggerin. Sie können überallhin reisen. Stricken, Karate oder Klavierspielen lernen. So viele Türen stehen ihnen offen. Doch die Vielzahl an Wegen, die sie einschlagen können, beflügelt sie nicht. Sie lähmt sie.

Einfach mal den Wein genießen

Matt Haig schreibt in seinem Buch einen schönen Satz: „Wir müssen nicht sämtliche Traubensorten aus sämtlichen Weinbergen gekostet haben, um Wein genießen zu können.“

So muss niemand sämtliche Berufe, Partner und Wohnorte durchprobiert haben, um glücklich zu sein. Auch wenn viele Menschen ihr Leben immer weiter optimieren wollen, glauben, dass es noch besser geht – es wird niemals perfekt sein. Egal, welche Entscheidung man auch trifft. Also genieße ich lieber den leckeren Wein, der gerade im Kühlschrank steht. Am liebsten mag ich ihn süß.

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