Meinung
Die wilden Zwanziger

Heute falle ich mal mit der Tür ins Haus

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Redakteurin Annabell Behrmann im Studio bei der Norderstedter Zeitung in Norderstedt am 17.09.2020. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Redakteurin Annabell Behrmann im Studio bei der Norderstedter Zeitung in Norderstedt am 17.09.2020. Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Foto: Thorsten Ahlf

Warum muss ich mich Wochen vorher zum Quatschen verabreden? Warum nicht einfach klingeln? Haben wir die Spontaneität verloren?

Hamburg. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich früher als Kind auf das Dach des bunten Plastik-Spielhauses im Garten geklettert bin, um über den Zaun zu den Nachbarn zu schauen. Wenn die Nachbarskinder gerade draußen gespielt haben, bin ich einfach dazugekommen. Manchmal hat mich mein bester Freund nachmittags angerufen und gefragt, ob er gleich vorbeikommen könne. Dann hat er sich auf sein Fahrrad geschwungen und stand innerhalb von ein paar Minuten vor der Haustür. Oder er hat einfach geklingelt – ohne mich vorzuwarnen.

Als Kind war es für mich das Normalste der Welt, Freunde unangekündigt zu besuchen – heute mache ich das so gut wie gar nicht mehr. Das letzte Mal stand ich Weihnachten ohne Voranmeldung bei einem Kumpel vor der Wohnungstür. Ich wollte ihn mit Keksen und Weihnachtspost überraschen. Zwar war er ungeduscht und hatte keine Hose an – aber es machte den Anschein, als hätte er sich sehr gefreut. Und das, obwohl mein Besuch so spontan war – oder gerade deswegen?

Die Spontaneität geht verloren

Nicht nur der Arbeitsalltag vieler Menschen ist vollgepackt mit Terminen. Ich habe den Eindruck, dass insbesondere die junge Generation ihre Freizeit genauso durchtaktet wie ihre Meetings im Büro. Treffen werden teils Monate im Voraus geplant. Jegliche Spontaneität geht dadurch verloren. Selbst zum Telefonieren verabrede ich mich. Wann habe ich das letzte Mal einfach so eine Freundin angerufen, um mit ihr zu quatschen? Ist es nicht albern, seinen Anruf vorher bei WhatsApp anzukündigen?

Vor der Handy-Ära funktionierte es doch auch anders. Da wusste man nicht einmal, wer am anderen Ende der Leitung war, wenn das Festnetztelefon zu Hause klingelte. Es war jedes Mal eine Überraschung. Irgendwie aufregend. Namen oder Telefonnummern wurden auf dem Display nicht angezeigt. Man hat das Gespräch einfach angenommen – und wenn die ungeliebte Tante dran war, mit der man eigentlich keine Lust hatte zu sprechen, dann war das halt Pech. Heute würden viele den Anruf ignorieren, das Handy auf stumm schalten.

Termine schon Wochen vorher geplant

Vorgestern hat mich eine Freundin gefragt, ob wir uns an diesem Wochenende treffen wollen. Nun sind wir verabredet – allerdings erst eine Woche später. Und das ist schon ein Glücksfall, dass wir so schnell einen Termin gefunden haben, an dem wir beide Zeit haben. In der Corona-Hochphase habe ich mir fest vorgenommen, mein Leben nicht so weit im Vorfeld zu planen. Nicht jetzt schon Verabredungen für November zu vereinbaren. Doch offenbar lässt es sich nicht verhindern. Sonst würde ich einige Freunde gar nicht sehen.

Manchmal wünsche ich mir die Spontaneität aus Kindertagen zurück. Als wir durch die Nachbarschaft gestreift sind und möglichst viele Spielkameraden aus ihren Häusern geklingelt haben. Wer Zeit hatte, ist mitgekommen. Was hält mich davon ab, heute bei einem Freund vor der Haustür zu stehen und ihn kurz zu drücken, wenn ich zufällig in der Nähe bin?

Unangekündigte Anrufe sollten wieder normal sein

Ich habe Angst zu stören. Zu übergriffig zu sein. Abgewiesen zu werden. Was ist, wenn der andere gerade Gäste hat? In der Badewanne liegt? Mich zwar freundlich hineinbittet, aber eigentlich lieber in Ruhe seine Netflix-Serie schauen möchte?

Hemmungen zu haben, bei jemandem unangemeldet zu Hause aufzukreuzen und in seine Privatsphäre einzudringen, ist eine Sache. Aber sogar nur zum Telefonhörer zu greifen, wenn ein Gespräch zuvor verabredet wurde, ist unsinnig. Fremde Menschen im Job rufen wir unangekündigt an – da ist es geradezu absurd, dass wir Freunde vorher fragen, ob sie Zeit zum Telefonieren haben.

Spontaneität lässt sich trainieren

In einem Artikel der „WirtschaftsWoche“ bin ich auf einen Satz gestoßen, der leider perfekt zu mir passt: „Ich bin total spontan, wenn man mir rechtzeitig Bescheid gibt.“ Spontaneität lässt sich nicht immer mit dem Berufsleben vereinbaren. Aber ich habe auch gelesen: Sie lässt sich trainieren – wie einen Muskel.

Heißt: öfter Entscheidungen intuitiv treffen, improvisieren und mal etwas Neues wagen. Das fängt schon beim Lieblingsitaliener an: Einfach mal ein anderes Gericht als die übliche Salamipizza bestellen. Oder halt unangemeldet einen Freund besuchen oder anrufen und ihm von einer Geschichte erzählen, die einen jetzt, in diesem Moment, bewegt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die allermeisten Menschen freuen würden.

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