Meinung
Politik auf der Couch

Robert Habeck – die Mission

| Lesedauer: 3 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher über eine Frau, die auch jetzt wiedergewählt würde

Hajo Schumacher über eine Frau, die auch jetzt wiedergewählt würde

Foto: Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Alles begann mit einer gut 200 Jahre alten „Revoluzion“. Wie der künftige mögliche Vizekanzler Politik ganz neu denkt.

Hamburg. Wer Robert Habeck verstehen will, sollte Casimir Ulrich Boehlendorff kennen. Boehlendorff war mit Hölderlin befreundet, doch Schiller und Goethe mochten ihn nicht, worunter er sehr litt. Mangels Vermögen diente Boehlendorff als Hauslehrer in Bern, wo er erlebte, wie ein feudales Privilegiensystem umgekrempelt wurde. Ab 1799 entstand in der Schweiz ein frühes demokratisches Staatswesen, das aber nur fünf Jahre hielt.

Habeck behandelt in seiner offenbar plagiatsfreien Magisterarbeit Boehlendorffs Hauptwerk „Geschichte der Helvetischen Revoluzion“. Seither beschäftigt sich Deutschlands künftiger möglicher Vizekanzler intensiv mit dem Gelingen gesellschaftlicher Umbrüche, theoretisch als Schriftsteller und Philosoph, praktisch als Grünen-Politiker. Bevorzugt löst er ideologisch aufgeladene Probleme wie Atommüll, hungrige Wölfe oder Identitätspolitik.

Habeck übernimmt die Führung der Grünen

Habecks Mission: Er ist der Anti-Trump. Nicht polarisierend, dumm, re­spektlos, falsch, beleidigt, engstirnig, sondern offen, respektvoll, kompromissbereit und lösungsorientiert. Wir vor Ich, Stil vor Kasse, Herz vor Hass. Dass Habeck nun, nach dem mittelguten Wahlkampf von Annalena Baerbock, die Führung der Grünen übernimmt, liefert einen ersten Eindruck dieses Denkens: Sie hatte ihre faire Chance, jetzt ist er dran. Ein respektvoller Wechsel ohne Verletzung und Schuldzuweisung, mit dem gemeinsamen Blick nach vorn.

Setzt sich Habecks Art durch, könnte das Modernisieren Deutschlands mit einem neuen Umgang in den Koalitionsgespräche beginnen. Habeck ist ein rares Politikerexemplar. Sein Lieblingsthema: die Paradoxien der
modernen Gesellschaft – ob mehr Konsum, aber weniger Wohlbefinden, mehr Kommunikation, aber weniger Information, mehr Individualität, aber schwindende gesellschaftliche Solidarität. Sein Ansatz: Unterschiede aushalten, ohne Schützengräben auszuheben. Seine Methode: reden, zuhören, erklären. Sein Wertemuster: Erst die Menschenwürde, dann Geld und Zahlen.

In Berlin herrscht ein mechanistisches Weltbild

Kooperatives Führen, das in Teilen von Wissenschaft und Wirtschaft längst angekommen ist, gilt im politischen Berlin noch als revolutionär. Hier herrscht ein mechanistisches Weltbild, das an immer mehr Gesetze und Formalien glaubt, von zu drückenden Knöpfen und berechenbaren Ergebnissen. Zahlreiche Krisen und Fehlentwicklungen belegen, dass weder Schuldenbremse noch Juristen das Land retten. Eine Dreier-Koalition, ganz gleich ob Jamaika oder Ampel, brauche, so Habeck, „eine eigene neue Logik“, die das archaische Lagerdenken der Parteien überwinde und deren Clan-Werte wie Ehre, Verrat und Rache.

Habecks Ansatz hat sich in Schleswig-Holstein mehrfach bewährt. Als Minister versöhnte er Landwirte mit Ökologie und handelte den „Muschelfrieden“ aus, bei dem es um naturgemäße Miesmuschelzucht ging. Er hat sich mit Bürgerfonds befasst und kann erklären, warum Schulden für Innovationen nicht böse sein müssen.

Respekt und Augenhöhe ist jetzt gefragt

In seinen beiden Bestsellern befasst er sich mit der Macht der Sprache und Kooperationsstrategien, die etwa jene verlustreichen Streitereien ablösen, die die Union zuletzt hingebungsvoll pflegte – dringender Lesetipp für Markus Söder. Weder Lindner noch Scholz, weder Laschet noch Merz haben Habecks praktischem und theoretischem Fundus viel entgegenzusetzen. Bleibt die Frage, ob Habeck Mantra „Stil vor Inhalt“ die Traditionalisten überzeugt.

Bislang galt, dass in Koalitionsrunden vor allem zwei Themen besprochen werden: Geld und Posten. Diese Logik des Verhandelns aber folgte der von Gewinnern und Verlierern. Weil diese Bundestagswahl keinen überlegenen Sieger hervorbrachte, sondern vier mehr oder weniger große mittlere Parteien, ist künftig mehr Re­spekt und Augenhöhe gefragt, der Bedarf an fairer Abstimmung wächst.

Habeck steht vor schwieriger Aufgabe

Habecks erste Aufgabe könnte gleich seine schwerste werden: FDP-Chef Christian Lindner von einem vertrauensbasierten, kooperativen Stil zu überzeugen. Das war der Kanzlerin 2017 nicht gelungen.

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