Meinung
Sportplatz-Kolumne

HSV gegen Werder: Wie der Wiederaufbau Nord gelingen kann

| Lesedauer: 4 Minuten
Henrik Jacobs  ist HSV-Reporter im Sportressort des Abendblatts.

Henrik Jacobs  ist HSV-Reporter im Sportressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Nach dem langen wirtschaftlichen Niedergang müssen sich Werder Bremen und der HSV an ihre Transferpolitik vor 2009 erinnern.

Am Sonnabend werden sie wieder kommen. Bei Sport1. Bei Sky. Vielleicht im Sportstudio. Die Bilder von 2009. Uefapokal-Halbfinale. Die Papierkugel. Der Eckball. Das Tor. Auch im Abendblatt schafft es dieses berühmte Stück Pappe in den vergangenen drei Tagen dreimal in die Berichterstattung. Das wird wohl auch in den kommenden Jahren noch so sein, wenn der HSV und Werder Bremen sich zum Nordderby treffen. Die Frage bleibt nur: In welcher Liga wird das sein?

Um zu wissen, warum die beiden Traditionsclubs aus dem Norden sich zwölf Jahre nach diesem Spiel erstmals in der Zweiten Liga wiedersehen, muss man gar nicht die Geschichte der Papierkugel erzählen, sondern die Geschichten, die danach passiert sind. Ein Blick auf die beiden Mannschaften von damals reicht aus, um zu ahnen, warum sich in den Jahren danach der schleichende Abstieg ereignete. Der HSV spielte mit dem späteren Weltmeister Jerome Boateng, den Nationalspielern Marcell Jansen und Piotr Trochowski, den Kroaten Mladen Petric und Ivica Olic. Bei Werder spielten die späteren Weltmeister Mesut Özil und Per Mertesacker, der Brasilianer Diego oder auch der ewige Claudio Pizarro in der Blüte seiner Karriere.

HSV und Werder: Niedergang durch Transfers

An diesem Sonnabend spielen bei Bremen Niklas Schmidt, Christian Groß oder Nicolai Rapp gegen die Hamburger um Jonas Meffert, Sebastian Schonlau oder Moritz Heyer. Bei allem Respekt vor diesen Spielern: Die kurze Auflistung zeigt deutlich, dass beide Clubs in der Zweiten Liga angekommen sind. Hatten Werder und der HSV vor elf Jahren noch einen Gesamtmarktwert von mehr als 100 Millionen Euro (Bremen 142, HSV 109), haben sich die Werte der Kader um je zwei Drittel reduziert.

Der wirtschaftliche Niedergang liegt daher weniger an der Problematik von Traditionsvereinen, sondern an der Politik der Transfers. Holte der HSV in den Jahren vor 2009 Spieler wie Daniel van Buyten (3,8 Mio.), Rafael van der Vaart (5,1), Nigel de Jong (1,5) oder Ivica Olic (2,0) äußerst preiswert, kamen im Sommer nach den Werder-Wochen Marcus Berg (10 Millionen) oder David Rozehnal (6,5 Millionen) und sorgten für ein Transferminus von 20 Millionen Euro. Die Größe des HSV war nicht das Problem, sondern der Größenwahn.

Finanzierungen in die Zukunft geschoben

Aber auch Werder verließ das Glück auf dem Transfermarkt. Über Jahre lag in der geschickten Einkaufspolitik der Schlüssel für den Erfolg. Ailton, Micoud, Klose, Diego, Özil – Werder war bekannt für seine Toptransfers. Doch irgendwann bogen die Bremer falsch ab. Sie reinvestierten die eingenommenen Millionen für Diego (27 Mio) oder Özil (18) in Spieler wie Wesley (7,5) oder Marko Marin (8,2). Werder und der HSV fingen an, die Finanzierungen für Transfers in die Zukunft zu schieben und darauf zu hoffen, dass es irgendwie wieder reicht für den europäischen Wettbewerb. Doch es reichte nicht mehr. Jahrelang liefen die Clubs den eigenen Ansprüchen hinterher und häuften Schulden an. Das Gehaltsgefüge der Kader geriet außer Kontrolle.

Wie schnell eine verfehlte Kaderplanung heute im Abstieg münden kann, zeigte zuletzt das Beispiel Schalke 04. Im Verdrängungswettbewerb Bundesliga kann man sich nicht viele Fehlentscheidungen leisten. Und der HSV und Werder leisteten sich zu viele Fehler.

Für den Wiederaufbau Nord haben die größten Clubs in Norddeutschland große Hilfen vom Staat bekommen. Um langfristig wieder etwas aufzubauen und zu alten Erfolgen zu kommen, müssen sich Werder und der HSV an ihre Transferpolitik in den Jahren vor 2009 erinnern. Nur mit klugen Entscheidungen bei Ein- und Verkäufen können die Vereine es schaffen, in die Bundesliga zurückzukehren. Für eine Neuauflage in einem europäischen Halbfinale wird es wohl nicht mehr reichen. Aber die Fans wären schon glücklich, wenn das Nordderby nicht mehr zweitklassig ist.

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