Meinung
Kommentar

Afghanistan: Taliban-Herrschaft 2.0

Michael Backfisch
Michael Backfisch, Politik-Korrespondent.

Michael Backfisch, Politik-Korrespondent.

Foto: Reto Klar

Eine Kooperation mit den Islamisten ist notwendig, um bedrohte afghanische Ortskräfte aus dem Land zu holen.

Man kann nur den Hut ziehen vor so viel Mut: In verschiedenen Städten Afghanistans haben mehrere Hundert Frauen für ihre Rechte protestiert. Sie fordern mehr Zugang zu Bildung und Jobs, mehr Gleichberechtigung und mehr Repräsentation in der Regierung. Wenn man so will, ein zartes Pflänzchen der Hoffnung, das während des fast 20 Jahre dauernden internationalen Einsatzes am Hindukusch aufgekeimt ist. Doch die radikalislamischen Taliban haben die Demonstrantinnen brutal niedergeknüppelt, sie mit Gewehrschüssen in die Luft auseinandergetrieben.

Afghanistan: Die neuen Herren in Kabul treten auf wie die alten

Die Kämpfer, die die Macht übernommen hatten, haben ihr wahres Gesicht gezeigt. Die neuen Herren in Kabul treten auf wie die alten. Viele Mitglieder der „vorläufigen“ afghanischen Regierung hatten auch in den Jahren 1996 bis 2001 das Sagen. Was wir heute erleben, ist eine Art Taliban-Herrschaft 2.0. Die Realität wird diktiert von den streng islamischen Regeln der Scharia und polizeistaatlicher Überwachung. Der Ton soll moderat klingen, die Ankündigung von Generalamnestie und „inklusiver“ Politik vielversprechend. Doch all dies ist bis dato nur verbale Kosmetik. Ja, es stimmt: Die Kommunikation der Taliban ist versierter. Doch die neue Offenheit im Stil ist Mittel zum Zweck. Die Radikalislamisten wollen internationale Anerkennung und Geld.

Der Westen befindet sich in einer Zwickmühle. Er hat die moralische Pflicht, bedrohte afghanische Ortskräfte aus dem Land zu holen. Auch brauchen die Menschen dringend Nahrungsmittel und Medikamente. Das geht nicht ohne Gespräche und eine beschränkte Kooperation mit den Taliban. Geld und Hilfe sind ein gewisses Druckmittel, um begrenzte Ziele zu erreichen. Demokratie und Menschenrechte lassen sich so aber nicht durchsetzen. Das ist die bittere Wirklichkeit.

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