Meinung
Glosse

639 Jahre dauerndes Orgelkonzert: Jetzt mal ganz langsam

Volker Behrens

Orgelkonzert von John Cage in Burchardi-Kirche von Halberstadt soll so langsam wie möglich gespielt werden. Nun ist es in einer Krise.

Wegen seiner Virtuosität und des hohen Spieltempos wurde der italienische Musiker Niccolò Paganini (1782–1840) „der Teufelsgeiger“ genannt. Solche Eigenschaften sind bei einem Musikprojekt, das gerade in Halberstadt läuft, weniger gefragt. Gespielt wird in der Burchardi-Kirche ein Stück von John Cage (1912–1992). „ORGAN2/ASLSP“ heißt es. Die Orgel in Halberstadt wird automatisch betrieben. Das Projekt ist jetzt in schweres Fahrwasser geraten.

Das „Konzert“ läuft bereits seit 20 Jahren. Cage hatte angewiesen, es so langsam wie möglich zu spielen. Deshalb begann es am 5. Januar 2001 auch mit einer Pause. Die ersten Töne erklangen erst 2003. Nur alle paar Jahre hört man einen Klangwechsel. Die gesamte Spieldauer soll 639 Jahre betragen.

In der Kunst war Langsamkeit schon oft ein Gegenstand

Finanziert wird das Projekt durch Spenden, die jetzt auszugehen drohen. Neue Ideen seien gefragt, sagte der Vorsitzende der John-Cage-Stiftung, Rainer O. Neugebauer. Man könnte denken, das sei Musik für Faultiere, die langsamsten Säuger der Welt. „Die Natur eilt nicht, und dennoch wird alles erreicht“, sagte der chinesische Philosoph Laozi im 6. Jahrhundert v. Chr., lange vor Entdeckung des Begriffs „Entschleunigung“.

In der Kunst war Langsamkeit schon oft ein Gegenstand. Man denke an „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ von Günter Grass oder an den Gitarristen Eric Clapton, der den Spitznamen „Slowhand“ trägt. Aber auch die Politik hat sich des Themas angenommen. Als Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen 2005 Vorschläge zur Schaffung eines Nordstaats kommentierte, rief er: „Gemach, gemach!“ Worauf Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust konterte: „In Hamburg heißt das suutje.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung