Meinung
Politik auf der Couch

Wie schmutzig darf es denn sein?

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Autor und Journalist Hajo Schumacher, freier Journalist und Autor für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen, veröffentlicht u.a. seit 2004 unter dem Pseudonym Achim Achilles die Lauf-Kolumne "Achilles' Verse" über die Eigenheiten vieler Hobbysportler (Spiegel Online), September 2016, Berlin, Deutschland, Europa

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Bislang kommt der Kampf ums Kanzleramt ohne das Niedermachen des Gegners aus. Die Politiker kennen ihre Wähler.

Die Comet Ping Pong Pizzeria in Washington wurde weltberühmt, als ein Mann mit einem Gewehr eintrat, weil er die Kinder im Keller befreien wollte. Die Kinder? Offenbar war der Schießwütige einer infamen Story aufgesessen, die in verwirrten Kreisen kursierte. Demnach sei Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton besessen von einem Kult, der kleine Kinder … und so weiter.

Eine absurde Geschichte, aber mächtig genug, um einen Bewaffneten marschieren zu lassen. In umliegenden Pizzerien soll es ähnliche Vorfälle gegeben haben. Es geschah im Wahlkampf 2016, den Donald Trump für sich entschied und der als Lehrbeispiel für „dirty campaigning“ gilt, für schmutzige Kampagnen. Auch Amtsinhaber Obama stand im Fadenkreuz. Obgleich vielfach widerlegt, wurde vom Trump-Lager störrisch wiederholt, dass der US-Präsident gar kein echter US-Amerikaner sei, weil … blablabla.

Verschwörungs-Märchen bleiben im Gedächtnis

Warum die Stories hier nicht im Detail wiederholt werden? Ganz einfach: Verschwörungs-Märchen bleiben gut im Gedächtnis, weil sie leicht zu verstehen und meist spannender sind als die Realität. Jedes Nacherzählen, auch im Gestus größter Empörung, verbreitet und verfestigt den Schwachsinn noch.

Es lässt sich viel Gehässiges über den Bundestagswahlkampf sagen, oft auch zu Recht, aber wüstes Lügen, brutales Entehren und Niedermachen des Gegners kommt hierzulande nicht gut an. In ihrer Sehnsucht nach Harmonie lehnen die deutschen Wähler allzu eklige Attacken ab.

SPD-Kandidat Scholz fordert „Respekt“

Auch deswegen wahrte das TV- „Triell“ die Umgangsformen. „Respekt“ forderte SPD-Kandidat Scholz mit Dackelblick. Schmutzig können deutsche Wahlkämpfer auch, aber feiner dosiert. Ist ja kein Zufall, dass ein Bild vom wiehernden Laschet plötzlich die Runde macht oder alte Urlaubsgeschichten wie die, dass der Unions-Kandidat mal so versunken in einem Telefonat war, dass er samt Handy und Zigarillo in den Pool fiel.

Pünktlich zur Wahl tauchen Plagiatsjäger auf oder vermeintlich neue Vorwürfe bei Scholz’ Schmerzensthema Cum/Ex. Jede Partei beschäftigt mehr oder weniger abgebrühte Schnüffler, die Peinliches über Gegner sammeln und via social media verbreiten. Die kleinen Fiesheiten entscheiden die Wahl nicht, aber beschleunigen Abwärtstrends.

Wahlkampf: Rollen unübersichtlich verteilt

Im Wahlkampf 2017 zitierte der glücklose SPD-Kandidat Martin Schulz den Kicker Andreas Brehme: Haste Dreck am Stiefel, haste Dreck am Stiefel. So schießen die Kampagneros ständig neue Giftpfeile ins gegnerische Camp. Dabei gilt das Döner-Prinzip: schnell, billig, einfach. Schmutzige Stories müssen zügig konsumierbar sein, am besten als Foto oder Filmchen, die sich als immer neue Memes, lustig veränderten Collagen, virusartig verbreiten.

Umso vorsichtiger traten die drei Spitzenleute beim ersten TV-Zusammentreffen auf. Die Kameras sehen alles. Jedes Augenrollen, eine falsche Zahl, das Grinsen im falschen Moment kann die Schmutzspirale in Gang setzen. Anders als in den vergangenen vier Wahlkämpfen, als es meist darum ging, wer gegen Angela Merkel verliert, sind die Rollen diesmal unübersichtlicher verteilt: Warum hat Olaf Scholz nicht mit einem Maaßen-Konter reagiert, als ihn Armin Laschet auf das Thema Linkspartei ansprach?

Wahlvolk hat genug von Raufereien

Warum verzichteten beide Männer auf Plagiatsspitzen gegen die Grüne? Warum musste sich Laschet nicht zum Quälgeist Söder äußern? Gut möglich, dass die Kandidaten Rücksicht nehmen auf ein Wahlvolk, das genug hat von Raufereien. Böse kleine „DasistOlaf“-Filmchen sind das Maximum an Gehässigkeit, das die Union bislang wagt. Die SPD zog ein Stinkefilmchen zurück, nachdem es sich ausreichend verbreitet hatte.

Wird dieser Bundestagswahlkampf also der sauberste aller Zeiten? Garantiert lagern in den Giftschränken der Parteien noch ein paar Boshaftigkeiten. Je knapper die Prognosen, desto größer die Verlockung, doch noch schmutzig zu werden. Zugleich gilt: Stinkbomben können auch im eigenen Lager bersten.

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