Meinung
Leitartikel

Triell auf RTL: Armin Laschets großer Irrtum

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Lars Haider
Lars Haider,  Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible

Seine Kampagne zielte auf Annalena Baerbock und die Grünen – Olaf Scholz und die SPD nahm Armin Laschet nicht ernst.

Hamburg. Die Hoffnung von CDU und CSU, dass ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet das erste sogenannte Triell, also den Fernseh-Wettstreit mit seinen Kontrahenten Annalena Baerbock und Olaf Scholz, für eine Wende im Wahlkampf nutzt, hat sich nicht erfüllt.

Im Gegenteil: Während SPD-Kandidat Scholz über weite Teile der Sendung wirkte, als sei er bereits Kanzler, und die Grüne Annalena Baerbock selbstbewusst und mutig auftrat, schnitt CDU-Chef Laschet in der Bewertung des Publikums ab wie derzeit die komplette Union – unterdurchschnittlich.

Dritter von dreien: Das ist ein neuer Tiefschlag für die Partei, die Deutschland 16 Jahre am Stück regiert hat und der jetzt nicht nur Angela Merkel fehlt, sondern vor allem ein Plan für die wenigen Wochen bis zur Wahl am 26. September. Dass der Kandidat und seine Partei so ratlos wirken, liegt an einer krassen Fehleinschätzung: Die gesamte Wahlkampfstrategie war auf ein Duell mit den Grünen und Annalena Baerbock ausgerichtet – Olaf Scholz und dessen SPD hatte das Team um Armin Laschet abgeschrieben. Der Vizekanzler spielte in ihren Überlegungen kaum eine Rolle, die Sozialdemokratie gar keine.

Triell auf RTL: Laschet schneidet unterdurchschnittlich ab

Das rächt sich jetzt, wo Scholz nicht nur als Person in Umfragen Laschet hinter sich lässt, sondern auch seine SPD die Grünen und, zum Teil, sogar CDU und CSU überholt. Eine Situation, mit der so kurz vor der Wahl niemand im konservativen Lager gerechnet hat – und für die es keinen Plan B gibt.

Was bleibt, ist Frust, Unruhe und ein Anflug von Panik, weil Millionen Menschen bereits in diesen Tagen ihre Wahl treffen – buchstäblich. Geschätzt wird, dass bis zu 50 Prozent ihre Stimme per Brief abgeben werden. Soll heißen: Man hat keine Zeit mehr bis zum 26. September, es muss sich – aus Sicht der CDU/CSU – sofort etwas tun.

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Das erste Triell wäre dazu eine sehr gute Gelegenheit gewesen, zumal das nächste erst in zwei Wochen, dann bei ARD und ZDF, kommt. Laschet hat sie auch deswegen nicht genutzt, weil er plötzlich in der Defensive ist. Während Scholz die neue eigene Stärke ausspielen konnte und zum Beispiel freundliche Worte für Baerbock fand, musste Laschet die eine wie den anderen angreifen. Auf die (vermeintlichen) Schwächen der Konkurrenz hinzuweisen, um selbst besser dazustehen, ist aber eine Strategie, zu der man greift, wenn man an die Kraft der eigenen Politik und der eigenen Programme nicht mehr glaubt. Das merken die Menschen, und das mögen viele nicht.

Wenn es nicht läuft, läuft es nicht

Kommt hinzu, dass das wichtigste Argument, das Laschet – und alle anderen CDU-Spitzenpolitiker – gerade gegen den Kandidaten Scholz vortragen, einen Nachteil hat: Die von der Union geschürte Angst vor einer möglichen rot-rot-grünen Regierung ist in der Bevölkerung gar nicht so groß. Laut einer neuen Umfrage wäre sie für 37 Prozent sogar die beste Koalition nach der Bundestagswahl, gleichauf mit einer Ampel aus SPD, Grünen und FDP.

Laschet hat Scholz beim Triell aufgefordert, ein Zusammengehen mit den Linken auszuschließen, was dieser indirekt übrigens auch tat. Scholz müsse doch nur Folgendes sagen: „Ich mache es nicht. Drei Worte“, sagte Laschet in der Sendung, um beim Nachzählen mit den Fingern zu merken, dass es vier sind …

Wenn es nicht läuft, läuft es nicht. Bei Olaf Scholz ist es komplett umgekehrt. An seinen Plan, dass die Wählerinnen und Wähler wenige Wochen vor der Wahl merken werden, dass Angela Merkel wirklich weg ist und dann demjenigen ihre Stimme geben, der ihr in Kompetenz und Erfahrung am ähnlichsten ist, hat kaum jemand geglaubt. Jetzt scheint er aufzugehen.

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