Meinung
Leitartikel

Düstere Aussichten für das Terrornest Afghanistan

| Lesedauer: 3 Minuten
Michael Backfisch
Michael Backfisch, Politik-Korrespondent

Michael Backfisch, Politik-Korrespondent

Foto: Reto Klar

Dem Land droht ein Bürgerkrieg – wie einst Libyen und dem Irak. Afghanistan ist Rückzugsgebiet für Extremisten geworden.

Die Lage in Afghanistan ist explosiv: Die Amerikaner haben am Sonntag einen Drohnenangriff auf ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in Kabul ausgeführt. Nach dem verheerenden Selbstmordattentat vom Donnerstag hatte US-Präsident Joe Biden bereits gewarnt, „die Gefahr von Terroranschlägen auf den Flughafen bleibt hoch“.

Es war ein Fanal, dass die Welle der Gewalt nach der blitzartigen Machtübernahme der radikalislamischen Taliban nicht abebbt. Die Scheinwerfer richten sich nun auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Deren regionaler Ableger „IS Provinz Khorasan“ (ISKP) hat sich mit tödlicher Wucht zurückgemeldet.

In Afghanistan ist eine neue Dynamik entstanden

Nach dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan ist eine völlig neue Dynamik entstanden, die alte Gewissheiten auf den Kopf stellt. Mit dem Vergeltungsschlag der Amerikaner gegen zwei hochrangige Mitglieder des ISKP am Sonnabend ist klar: Bidens Pläne, dass die Amerikaner knapp 20 Jahre nach den Terrorattacken vom 11. September 2001 dem Hindukusch den Rücken kehren, sind über den Haufen geworfen. Washington wird den Anti-Terror-Krieg in Zentralasien weiterführen. Nicht mit einer Entsendung von vielen Tausend Soldaten – aber durch Luftschläge oder Drohnenangriffe.

Es mag paradox erscheinen: Durch die Anti-Terror-Brille des Westens betrachtet gewinnen die Taliban plötzlich an Wert. Denn die neuen Herren von Kabul und der IS sind sich spinnefeind. Erstere haben zum Ziel, Afghanistan im Rahmen einer islamischen Verfassung wiederaufzubauen. Letztere streben nach einem islamistischen Kalifat, das herbeigebombt werden soll.

Amerika und die Taliban gegen den IS

Aus dieser Konstellation ergibt sich die Geburt einer bizarren Allianz: Amerika und die Taliban gegen den IS. Es ist ein Teufelskreis. Je mehr die USA in Afghanistan militärisch eingreifen – und sei es nur über Luftschläge –, desto mehr stacheln sie die IS-Zellen gegen die „Ungläubigen“ an. Weitere Terrorattacken wären die Folge, die erneute US-Militäraktionen nach sich ziehen dürften.

Der IS hat eine Eskalations-Strategie. Er feiert jeden Terroranschlag als Propaganda-Erfolg, um neue Kämpfer zu rekrutieren. Der ISKP mag derzeit mit geschätzten 1500 bis 2000 Mitgliedern noch zahlenmäßig überschaubar sein. Experten gehen aber davon aus, dass er in etlichen afghanischen Städten bereits Schläferzellen errichtet hat.

Afghanistan wurde Rückzugsgebiet für Extremisten

Hinzu kommen Verbündete aus dem Ausland. Bereits vor dem Abmarsch der Amerikaner wurde Afghanistan zu einem Rückzugsgebiet für Extremisten. Nach Schätzungen der UN sickerten zwischen 8000 und 10.000 Dschihadisten aus Zentralasien, dem Nordkaukasus, Pakistan und aus der muslimischen Xinjiang-Region in West-China in das Land am Hindukusch ein.

Viele von ihnen sind mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbandelt. Doch etliche tendieren zum radikaleren ISKP. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die wiedererstarkten Terror-Gruppierungen auch weltweit Anschlagsziele suchen.

Düstere Aussichten für Aghanistan

Die Aussichten sind düster. Afghanistan wird aller Wahrscheinlichkeit im Chaos versinken wie Libyen oder der Irak nach den Militär-Interventionen des Westens. Auf die Tötung der Langzeit-Autokraten Muammar al-Gaddafi beziehungsweise Saddam Hussein folgten Bürgerkriege, in denen sich Stämme, Clans und Warlords bekämpften.

Ein Terrornest Afghanistan wäre aber für die ganze Welt eine Bedrohung. Nur ein pragmatischer Kurs der politischen Einbindung könnte die Risiken eindämmen. Die USA, Europa, Russland, China, die Taliban, Afghanistans Nachbarländer: Alle müssen sich an einen Tisch setzen, um eine Anti-Terror-Strategie für den Hindukusch zu entwerfen.

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