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Der HSV und die Suche nach der Leistungskultur

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Henrik Jacobs ist HSV-Reporter im  Sportressort des Abendblatts.

Henrik Jacobs ist HSV-Reporter im Sportressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez

Nach dem verlorenen Stadtderby wird im Volkspark wieder über ungenutzte Potenziale diskutiert. Was der Club lernen muss.

Hamburg. Als ich vor wenigen Tagen im Volkspark am Trainingsplatz des HSV stand, habe ich mich an meinen B-Jugend-Trainer beim VfL Oldesloe erinnert. Ich war ein technisch talentierter Offensivspieler mit gutem Tempo, aber gering ausgeprägter Zweikampfführung. Um an meiner mangelnden Aggressivität zu arbeiten, ging mein Ex-Coach eine wöchent­liche Wette mit mir ein. Wenn ich eine Gelbe Karte wegen Foulspiels bekam, musste er mir eine Tafel Schokolade spendieren. Wenn nicht, bekam er eine.

Dieses Prinzip von Belohnung und Bestrafung ist seit zwei Monaten auch beim HSV unter Trainer Tim Walter zu beobachten. In jeder Einheit und nach fast jeder Übung sieht man die verlierenden Spieler wahlweise in Hüpf- oder Liegestützposition, sich an den Ohrläppchen schnipsen oder beim amateurfußballbekannten „Arschballern“, wie wir dieses schmerzhafte (als Verlierer) oder schmackhafte (als Gewinner) Schussspielchen bei meinem späteren Kreisligaclub in Eidelstedt genannt haben.

Neue Leistungskultur beim HSV

Walters Trainingsmethoden sind Teil des Versuchs, beim HSV eine neue Leistungskultur zu entwickeln. Seit der dritten verpassten Rückkehr in die Bundesliga hört man dieses Wort von den sportlichen Verantwortlichen um Vorstand Jonas Boldt immer häufiger. Sozusagen als Reaktion auf die schon häufig diagnostizierte Wohlfühloase HSV, die auch in diesem Sommer mal wieder als Erklärungsversuch für fehlende Leistung herhalten musste.

Nun also soll Walter mit seiner Konsequenz, seinem Trainingseifer, seinem Mut für unbequeme Entscheidungen und seiner fehlenden Angst im Umgang mit vermeintlich größeren Namen dafür sorgen, endlich die Potenziale seiner Mitarbeiter so zu entfalten, dass sie zur maximalen Leistung führen. Walters Prinzip: Wer gut trainiert, der wird belohnt – wenn auch nicht mit Schokolade.

Angst vor dem Verlieren

Doch was bedeutet eigentlich dieses große Wort Leistungskultur, das man nicht einmal im Duden findet? Wie wird diese im Gesamtkonstrukt HSV gelebt? Und vor allem: Wer lebt sie vor? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein kurzer Querpass in die Unternehmensführung, in der der Begriff kultiviert wurde. Die Frage, wie man seine Mitarbeiter zu Bestleistungen motiviert, sollte jede Führungskraft beschäftigen. Dabei geht es um Kritik- und Kritikfähigkeit, Druck, Potenziale, Angst, Bereitschaft oder Motivation. Vor allem aber um die Worte Leistung und Kultur.

Beim HSV rätselt man nicht erst seit dem verlorenen Stadtderby wieder über die Frage, warum einige Spieler nicht die nötige Bereitschaft hatten? Warum bei anderen offensichtlich die Angst vor dem Verlieren größer war als die Lust am Gewinnen? Und nach Walters interner Analyse wurde diskutiert, ob die Spieler von heute noch kritikfähig sind?

Ist die Trainingsintensität beim HSV zu hoch?

Für ein Zwischenfazit der Methoden von Tim Walter ist es noch viel zu früh. Fakt aber ist: Der HSV sucht auch unter dem neuen Trainer nach der richtigen Form des Leistungsprinzips. Intern soll dem 45-Jährigen bereits nahegelegt worden sein, die Trainingsintensität ein wenig zu senken.

Was der HSV unabhängig vom aktuellen Trainer und dessen Idee verstehen sollte: Eine Leistungskultur lebt nicht der Trainer vor, sondern die Unternehmensführung. Und wenn diese wie beim HSV alle zwei Jahre ausgewechselt wird, führt das nicht zu einer Leistungsoptimierung der Mitarbeiter, sondern wie im Volkspark zu persönlichen Agenden, Macht- und Ränkespielen, Misstrauen oder Angst. In so einer Kultur werden Mitarbeiter nicht besser, sondern wie beim HSV in der Regel schlechter.

Tim Walter sollte an seinen Ideen und Prinzipien festhalten

Als Mutter der deutschen Fußball-Leistungskultur gilt dagegen das Mia-san-Mia-Prinzip des FC Bayern München. Welches wiederum gewachsen ist durch eine jahrzehntelange Kontinuität in der Unternehmensführung. Tim Walter kann man daher nur raten, an seinen Ideen und Prinzipien festzuhalten. Ob sie dann langfristig funktionieren, liegt nicht allein in seiner Macht.

Zu Walters Motivationsmethoden kann ich aus meiner Erfahrung als Jugend- und Amateurfußballer nur sagen: Für eine Gelbe Karte und die Belohnungsschokolade hat es nie gereicht. Und ein Zweikampfmonster wurde ich leider auch nie. Da hätte aber auch die beste Leistungskultur nicht geholfen.

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