Meinung
Die wilden Zwanziger

Studiert? Gearbeitet? Oder die Welt entdeckt?

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Wenn man sich wie ich der 3 vor der 0 nähert, kommen Fragen nach dem richtigen Leben auf. Und ja, Antworten gibt’s auch.

Hamburg. Ich muss der Wahrheit ins Auge blicken: Morgen beginnt mein letztes Jahr in den Zwanzigern. Mein Alter spielt für mich eigentlich keine Rolle. Dass ab dem kommenden Jahr eine Drei vorne stehen wird, dem geben andere eine höhere Bedeutung als ich selbst. Die Gesellschaft knüpft an diese Zahl eine Reihe von Erwartungen: allen voran fest im Leben zu stehen, Kind, Haus und Mann zu haben.

Ich finde das Motto schöner: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Manchmal glaube ich, gerade erst die Schule verlassen zu haben – so präsent sind die Erinnerungen. Nach einem Tennispunktspiel hingegen könnte man meinen, ich wäre 30 Jahre älter, als ich wirklich bin. So ganz komme ich mit Ende 20 (nun endgültig) aber nicht drumherum, auf meine bisherigen „wilden Jahre“ zurückzublicken.

Exzessive Partys und ein Einbruch im Freibad

Es gibt gewisse Dinge, von denen behauptet wird, man sollte sie als junger Mensch unbedingt erlebt haben. Wie zum Beispiel exzessive Partys zu feiern, nachts ins Freibad einzubrechen, Zeit im Ausland als Backpacker oder mit Work and Travel zu verbringen, in einer Studenten-WG zu leben. Habe ich etwas verpasst? Vermisse ich etwas davon?

Im Nachhinein bedauere ich es wohl, nicht für ein Highschool-Jahr in die USA gegangen zu sein. Einmal das Leben dort zu verbringen, wie man es aus den US-amerikanischen Filmen kennt, Abschlussbälle feiern, als Cheerleader die Footballspieler anfeuern – ja, das wäre sicherlich eine tolle Zeit geworden. Doch damals fühlte es sich nicht richtig an, auf meine Familie und Freunde für so lange zu verzichten und aus meiner Schulklasse herausgerissen zu werden. Vielleicht fehlte mir auch der Mut.

Nur für die nächste Klausur gelernt

Meinen Weg bin ich bis jetzt sehr straight gegangen. Nach dem Abitur habe ich mit meinem Studium begonnen. Danach habe ich mich direkt ins Berufsleben gestürzt. Heute denke ich, ein paar Umwege über Australien oder Südamerika hätten mir nicht geschadet. Diese Erfahrung gebe ich auch allen jüngeren Menschen weiter, die vor der Wahl stehen und mich fragen: Arbeiten? Oder die Welt entdecken?

In der Schulzeit habe ich nie wirklich begriffen, was für ein Privileg es ist, lernen zu dürfen – und dann auch noch in so vielen verschiedenen Fächern. Inzwischen finde ich Biologie total faszinierend, schaue mir in meiner Freizeit gern Naturdokus an. Im Unterricht hatte ich Mühe, meine Augen offenzuhalten. Damals habe ich für die nächste Klausur gelernt. Nicht fürs Leben.

Für viele Dinge ist es nie zu spät

Vielleicht werde ich keine Cheerleaderin mehr in der Highschool – aber für viele Dinge, die man angeblich als junger Mensch ausprobiert haben soll, ist es nie zu spät. Das WG-Leben hole ich gerade zum Beispiel nach. Zwar wohne ich nicht mit anderen Studenten zusammen, dafür aber in einer Altbauwohnung – und das kommt einer Wohngemeinschaft dank der hellhörigen Wände und Decken doch ziemlich nahe.

Die Nachbarin von gegenüber läuft morgens genau wie ich im Bademantel durch die Wohnung, manchmal winken wir uns zu. Ein anderer Nachbar beschallt abends den gesamten Innenhof mit seinem Damen-Besuch. Und den Tagesablauf von dem Paar über uns mit ihrem eineinhalb Jahre alten Mädchen kenne ich besser, als ihnen wahrscheinlich lieb wäre.

Es nützt nichts, verpassten Chancen hinterherzutrauern

Das Kind wirft leidenschaftlich gern Bauklötze auf den Boden, am liebsten um 6.30 Uhr am Morgen direkt über unserem Schlafzimmer. Ohne mit ihnen gesprochen zu haben, weiß ich, dass die Nachbarn gerade zwei Wochen lang im Urlaub waren und einen ziemlich hartnäckigen Husten mitgebracht haben … Ich glaube, viel näher kann man sich in einer Studenten-WG auch nicht sein.

Es nützt nichts, verpassten Chancen hinterherzutrauern. Egal in welchem Alter. Ich freue mich lieber über die, die ich genutzt habe. Über die Monate, die ich in einer fremden Stadt und Familie lebte. Über die Reisen, die ich in die USA machte. Über die vielen Partys, die ich mit Kommilitonen und Freunden feierte. Junge Menschen sind verschieden. Nicht jeder ärgert sich später darüber, kein Auslandssemester gemacht zu haben.

Schaue ich auf meine Zwanziger, stelle ich fest: Immer wenn ich meine Komfortzone verlassen habe, durfte ich großartige Erfahrungen sammeln. Diese Erkenntnis nehme ich auch für die nächsten Lebensjahre mit. Mutig sein! Aufbrechen! Koffer packen! Wenn Corona es denn wieder zulässt.

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