Meinung
Politik auf der Couch

Baerbock-Wahlkampf entwickelt sich zum politischen Drama

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher über Erfolg und Misserfolg in der Politik.

Hajo Schumacher über Erfolg und Misserfolg in der Politik.

Foto: Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Die grüne Kanzlerkandidatin kämpft gegen das Abrutschen in den Umfragen. Kann ihr ein Comeback gelingen?

Der Wahlkampf von Annalena Baerbock entwickelt sich zum politischen Drama. Unlängst schien das Kanzleramt in Reichweite, seither fallen die Grünen stetig zurück. Zur Wahrheit gehört, dass die Erwartungen un- bis übermenschlich waren, die auf der grünen Spitzenfrau lasteten. Sie ist kein Ausnahmetalent wie Barack Obama oder Angela Merkel, sondern eher eine Projektionsfläche für die Hoffnungen ihrer Fans. Drei Dämonen stehen gegen ein Comeback Baerbocks.

Die Annalena-Story ist auserzählt. Rechte Gerade, das Nasenbein knirscht, Blut trieft. Linker Haken, der Kopf fliegt zur Seite. Rocky Balboa taumelt, geht zu Boden, rappelt sich auf. Plötzlich mobilisiert er geheime Kräfte und vermöbelt den übermächtigen Gegner doch noch. Die Story von Rocky, dem unterschätzten, gedemütigten, aber unverwüstlichen Kämpfer folgt dem David-gegen-Goliath-Narrativ, das immer gut ankommt.

Laschet, Scholz und Lindner regenerieren schnell

Neulich trug Armin Laschet Boxhandschuhe, was nicht überzeugend aussah, aber die Comeback-Story befeuern sollte. Olaf Scholz erzählt die Coolness-Saga vom maximal Gelassenen, der „Mutti“ einfach nur „Vati“ folgen lassen will. Christian Lindner krempelt mal wieder die Ärmel hoch. Und Annalena Baerbock? Welche Erzählung bietet sie derzeit an, die über Klima und Weltuntergang hinausreicht? Teil 1, die Story von Aufstieg und Fall, ist auserzählt. Jetzt müsste Teil 2 folgen, das Comeback, gebaut auf Kraft und Willen und Entschlossenheit.

Regeneration. Man kann zu Recht an Laschet, Scholz und Lindner mäkeln. Aber eines zeichnet sie aus: Sie regenerieren schnell. Allen dreien fegen seit Jahren Stürme von Kritik und Demü­tigung um die Ohren. Lindner war nach dem Jamaika-Stunt von 2018 so gut wie erledigt, Klausurenverlierer Laschet sah gegen Söder und Merz nicht gerade kraftstrotzend aus, die SPD misstraute ihrem Kandidaten Scholz, dem Wirecard und Cum-Ex nachhängen, so sehr, dass sie ihn nicht zum Parteichef wählen mochte.

Wie regenerationsfähig ist Annalena Baerbock?

Egal. Nichts anmerken lassen, auf keinen Fall grübeln, kurz schütteln, weitermachen. Wie regenerationsfähig aber ist Annalena Baerbock, die bislang wenig Training in schwerem Wetter hatte? Tritt sie verhaltener auf? Wie stabil ist ihr Selbstwertgefühl? Kommt das Unbeschwerte zurück? Wahlen werden eben nicht nur von Programmen entschieden, sondern auch von sportlichen Qualitäten. Wer in Brüssel bis zum
frühen Morgen gegen eine Horde bockbeiniger EU-Rivalen verhandelt, muss Rückschläge schnell verarbeiten können.

Die elende Mann-Frau-Sache. Angela Merkel, das Maß erfolgreicher politischer Führung, hat niemals die Frauenkarte gespielt, ihre männlichen Gegenspieler gleichwohl reihenweise erledigt. Bei Annalena
Baerbock war die Sache anders. Eines der Motive für ihre Nominierung war natürlich ihr Geschlecht. Der Feminismus gehört zu den Gründungsmythen der Grünen.

Kooperatives Führen ist auf dem Weg ins Kanzleramt eher hinderlich

Und im Kreise eher älterer männlicher Rivalen schienen ihre Chancen gut. Rivale Habeck hätte nur eine Chance auf die Spitzenkandidatur gehabt, wenn sie ihn vorgelassen hätte, was im Nachhinein – hättehätte – plausibel klingt. Denn hätte der Schöngeist die Wahl versemmelt, wäre Baerbock die alleinige Königin der Grünen gewesen. So hat es Angela Merkel, wenn auch nicht ganz freiwillig, 2002 mit Edmund Stoiber gemacht. Nun schwelt im grünen Spitzenduo ein Konflikt, der in der Partei mühsam beschwiegen wird, aber allenthalben zu sehen ist: Hinter der Spitzenkandidatin steht ein Mann, den viele für den besseren Kandidaten halten.

Tapfer müht sich Habeck, aufmunternd, feministisch und siegesgewiss dreinzublicken. Gleichwohl verstetigt sich der Eindruck betreuten Kandidierens. Die erfolgsgewohnte Doppelspitze wirkt plötzlich toxisch, weil sie alte Rollenbilder bedient und unentwegt die Kompetenzfrage befeuert. Angela Merkel hätte einen wie Habeck sofort aus dem Bild gedrängt. Kooperatives Führen ist eine nette Idee, aber auf dem Weg ins Kanzleramt eher hinderlich. Da zählt allein ein unverwüstliches und bisweilen rücksichtsloses Ego.

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