Meinung
Die wilden Zwanziger

… und dann war plötzlich Funkstille auf WhatsApp

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann  (28) ist Redakteurin  des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Ja, die ständige Erreichbarkeit per Smartphone kann anstrengend sein. Aber einfach abzutauchen ist kein guter Stil.

Hamburg. „Lass uns unbedingt mal wieder treffen“, schrieb mir neulich eine Bekannte bei WhatsApp. „Wann hast du Zeit?“ Daraufhin schlug ich ihr zwei Termine zur Auswahl vor. Seitdem warte ich auf eine Antwort. Fünf Wochen nun schon ist der letzte Kontakt her. Die Terminvorschläge sind längst verstrichen. Nicht einmal das Chatfenster hat meine Bekannte angerührt, das sehe ich an den nicht blau gewordenen Häkchen. Zumindest aber muss ich mir keine Sorgen machen, dass ihr etwas passiert sein könnte: Ihre wechselnden Profilbilder zeigen sie an Orten, an denen es sich gut aushalten lässt – im Pool, am Hamburger Hafen, auf einer Dachterrasse mit Cocktail in der Hand.

So läuft es immer zwischen uns. Wir sagen, wir wollen uns treffen – und dann: Funkstille. Im Schnitt dauert es vier bis sechs Wochen, bis sie sich entschuldigt und mir erklärt, völlig vergessen zu haben, mir zu antworten. Dann fängt das Spiel von vorne an.

Qualität zählt mehr als Quantität

An manchen Tagen bin ich die Ruhe selbst. Da stört es mich nicht, auf Fragen keine Antworten zu erhalten. Dann wiederum gibt es Phasen, da macht es mich fast verrückt. Niemand muss mit seinem Handy verwachsen sein und sich umgehend zurückmelden. Auch hier gilt: Qualität zählt mehr als Quantität. Ich finde es total in Ordnung, erst mit ein paar Tagen Verzögerung zu antworten. Hauptsache, man macht es irgendwann.

Mit einer Freundin, die in NRW wohnt, schicke ich regelmäßig Sprachnachrichten hin und her. In teils sieben Minuten langen Monologen halten wir uns auf dem Laufenden, was in unserem Leben so passiert. Man hat nicht immer Zeit und Muße, sich die Nachricht sofort anzuhören. Meist kommt eine Reaktion innerhalb der nächsten zwei Wochen zurück. Das weiß ich, darauf stelle ich mich ein. Kein Problem. Jedes Mal, wenn der Name meiner Freundin auf dem Handy aufploppt, freue ich mich.

Ständige Erreichbarkeit kann anstrengend sein

Die ständige Erreichbarkeit, die vor allem Nachrichtendienste wie WhatsApp ermöglichen, kann anstrengend sein. Die eine Freundin berichtet per Sprachnachricht von ihrem stressigen Arbeitstag, der Kumpel klagt über sein misslungenes Date, und der Partner fragt, was es heute Abend zu essen gibt. Das Chatten mit mehreren Personen gleichzeitig kann überfordern. Nachdem man beim Job alle E-Mails abgearbeitet hat, möchte man nicht in seiner Freizeit mit WhatsApp-Nachrichten weitermachen. Zeit vor dem Bildschirm verbringt man ohnehin schon genug. Ich verstehe das. Mir geht es genauso. An manchen Abenden fühlt es sich gut an, mein Handy einfach beiseitezulegen. Und die Außenwelt auszublenden.

Und dennoch: Mitteilungen zu ignorieren ist für mich keine feine Art. Jeder hat eine Antwort verdient – ein kurzes „Okay“, „Weiß nicht“ oder „Sorry, melde mich später“ würde oft schon reichen. Das hat aus meiner Sicht etwas mit Wertschätzung und Respekt zu tun. Auch im Dating gehört es sich, dem anderen zumindest ehrlich zu sagen, dass kein Interesse besteht – bevor dieser verzweifelt auf sein Handy starrt und sich die wildesten Verschwörungstheorien vom Autounfall bis zur Entführung ausmalt.

Moderne Kommunikationswege sind Fluch und Segen zugleich

Die modernen Kommunikationswege sind Fluch und Segen zugleich. Dank ihnen ist es möglich, von überall zu antworten. Egal ob man sich gerade beim Einkaufen im Supermarkt befindet oder beim Faulenzen auf den Malediven. Jeder kann frei entscheiden, wann und ob überhaupt er auf eine Nachricht reagiert. Die digitale Kommunikation ist praktisch – andererseits ist es ein Leichtes, eine E-Mail im Posteingang ungelesen zu lassen und in Gruppenchats erst einmal abzuwarten, was die anderen schreiben. Ich spreche da aus Erfahrung: Wer auf diese Weise versucht, einen Mädelsabend oder ein Tennispunktspiel zu organisieren, kann schon mal verzweifeln.

Beim Telefonieren oder realen Treffen würde dein Gesprächspartner nach einer Frage niemals schweigen, gar auflegen oder wegrennen und sich die nächsten Wochen nicht mehr bei dir melden. Das gilt leider nicht für Gruppenchats.

Das ist kein Witz: Während ich diese Zeilen schreibe, schickt mir eine Freundin (nicht die besagte Bekannte, die braucht noch zwei Wochen) eine Sprachnachricht: „Ich habe gerade festgestellt, dass ich dir noch gar nicht auf deine Nachricht geantwortet habe.“ Wenn man im echten Leben auf jemanden zählen kann, sehe ich das nicht so eng.

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