Meinung
Politik auf der Couch

Wahlkampf: Ein Krokodil mit dem Namen Olaf

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Hajo Schumacher
Hajo Schumacher  über einen,  der nicht zappelt.

Hajo Schumacher über einen, der nicht zappelt.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Erst verlacht, jetzt respektiert. Womöglich genügt es in diesem Wahlkampf, wenn ein Kanzlerkandidat nicht nervt.

Das Krokodil verfügt über eine Fähigkeit, die in aufgeregten Zeiten immens hilfreich ist: Geduld. Stundenlang liegt das Schuppentier regungslos im Seichten, nur Nasenlöcher und Augen über der Wasserlinie. Hochfeine haarlose Hautsensoren nehmen leiseste Wellenbewegungen wahr; das Tier wartet auf den richtigen Moment, wenn Schnappen sich lohnt. Oberste Krokodilregel: Wer Hunger hat, muss stillhalten. Wer zappelt, verliert.

Olaf Scholz ist gern auf dem Wasser. Der SPD-Mann rudert bisweilen. Zwischen Mensch und Wasser liegen nur wenige Zentimeter. Ruhige Züge sind gefragt. Hektisches Bewegen führt meist zum Kentern. Der wassersporterfahrene Kanzlerkandidat führt seinen Wahlkampf wie ein Krokodil: nicht zappeln. Einfach auf die Wähler warten. Scholz schnappt höchstens mal, wenn ihn eine Interviewfrage nervt. Dann wieder hin­legen. Wird schon.

Alligator-Strategie hat Scholz zunächst Spott eingebracht

Seine Alligator-Strategie hat Scholz zunächst Spott eingebracht, dann Befremden, jetzt Respekt. Er gilt von allen Kandidaten als Kompetentester, selbst die scheinbar betonierten 15 Prozent hat seine SPD hinter sich gelassen und schickt sich an, die Grünen von Platz zwei zu verdrängen. Scholz mit der roten Ampel gegen Laschets Schwarz-Grün – mit diesem Duell der Koalitionen startet der Wahlkampf in die heiße Phase.

Annalena Baerbock und Armin Laschet zappeln derzeit ziemlich viel, während das Krokodil namens Olaf ein Kunststück fertigbrachte, das ihm kaum jemand zutraute. Er hat verhindert, dass der Unions-Mann und die grüne Frau einen Zweikampf inszenieren, während die SPD, ähnlich wie in
Baden-Württemberg, unter den Kleineren einsortiert und entsprechend verächtlich bewertet wird. Der erfahrene Bundespolitiker Scholz hat das Rennen offen gehalten, mit tätiger Mithilfe der anderen.

Scholz führt eine ruhige Hand

Die ruhige Hand, die eigentlich Armin Laschet nachgesagt worden war, führt derzeit Olaf Scholz. Die SPD-Kampagne, ganz auf den vermeintlichen Anpacker zugeschnitten, ist zumindest nicht peinlich. Und trifft damit womöglich eine unterschätzte Stimmung im Land: Mit eineinhalb Jahren pandemiebedingtem Dauerstress im Nacken und einer apokalyptischen Zukunft vor Augen, sehnen sich viele Wählende einfach nur nach Ruhe und Verlässlichkeit.

Wechselstimmung schön und gut, aber ist Merkels Abschied nicht Wechsel genug? Ein bisschen Weiter-so darf gern sein; es war ja nicht alles schlecht an der anästhesierenden Politik der kleinen Schritte. Scholz sind bislang weder Plagiate nachzuweisen, er hat keine verkorksten Auftritte oder Fotos hingelegt. Er schlendert an Fettnäpfen vorbei und verzichtet auf Weltuntergang. Scholz nervt nicht. Das hat er exklusiv. In aufgeregten Zeiten womöglich ein Wert an sich.

Kanzlerkandidat Scholz büßt bisweilen an Respekt ein

Dummerweise liegt das Krokodil nicht allein im Tümpel. Manchmal kommen Vögel wie der Rote Madenhacker oder der Krokodilwächter, die die Schuppen oder sogar das Gebiss der Echse sauberpicken. Das Krokodil mit den Piepmätzen darauf sieht plötzlich gar nicht mehr so furchteinflößend aus.

Womit wir bei der SPD wären. Der Kanzlerkandidat Scholz büßt bisweilen an Respekt ein, weil Menschen aus der Parteiführung an ihm herumpicken und zetern, was die Beute verschreckt. Gerhard Schröder war 1998 stark genug, seine SPD zu überstrahlen. Scholz ist nicht Schröder und kann daher nur hoffen, dass die Genossen auf den letzten Metern nicht ihre Kernkompetenz wiederentdecken – das Zerreiben von Spitzenleuten.

Dass Saskia Esken neulich andeutete, an der Parteispitze bleiben zu wollen, bedeutet übersetzt, dass sie nicht in ein Ministerinnenamt drängt. Womöglich geht die Strategie auf, dass die Parteilinken sich in der Frühphase des Wahlkampfs austoben durften, um zum Finale hin immer leiser zu werden. So hat es Scholz mit seinen Problemthemen Cum-Ex, Warburg und Wirecard auch gehalten.

Jetzt einfach nur noch entspannt liegen bleiben.

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