Meinung
Kolumne Sportplatz

Veranstalter verdienen gerade jetzt Unterstützung

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Björn Jensen
Der Autor ist Sportreporter beim Abendblatt

Der Autor ist Sportreporter beim Abendblatt

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das Tennisturnier am Rothenbaum findet trotz der Pandemie statt. Das sollte vom Publikum deutlich stärker honoriert werden.

Hamburg. Es genügt dieser Tage ein Blick in Sandra Reichels Gesicht, um zu wissen, was die Veranstaltung eines Großevents unter dem Eindruck einer Pandemie bedeutet. Wer den Job als Direktorin des Tennisturniers am Rothenbaum so ernst nimmt wie die Österreicherin, bräuchte schon in normalen Jahren den Zeitumkehrer, den Hermine Granger in „Harry Potter“ nutzt, um mehrere Unterrichtsstunden gleichzeitig zu besuchen. Die täglich neue Probleme schaffende Corona-Lage lässt Reichels Mobiltelefon dauerklingeln. Abschalten? Geht nicht.

Insofern muss, auch wenn das Flair auf der Anlage an der Hallerstraße unter den geltenden Abstandsregeln verloren geht, die Qualität der Teilnehmerfelder unter dem „Sandwich-Termin“ zwischen Wimbledon und den Olympischen Spielen leidet und die Resonanz des Publikums entsprechend reserviert ausfällt, an dieser Stelle ein Lob angebracht werden.

Standort Hamburg liegt Familie Reichel am Herzen

Dass Sandra und ihr Vater Peter-Michael Reichel nicht nur das Herrenturnier trotz aller Unwägbarkeiten durchziehen, sondern auch noch das Comeback der Damen nach 19 Jahren Hamburg-Abstinenz ermöglicht haben, ist keineswegs selbstverständlich. Viele Sportveranstalter haben ihre Events abgesagt, weil ihnen Aufwand und Risiko zu groß erschienen, und man kann ihnen dafür keinen Vorwurf machen.

Umso höher ist einzuschätzen, dass die Familie Reichel sehenden Auges einen Fehlbetrag einkalkuliert hat, weil sie überzeugt davon ist, langfristig von ihrer Hartnäckigkeit profitieren zu können. Man darf im dritten Jahr ihres Wirkens attestieren, dass ihnen der Standort Hamburg am Herzen liegt und sie alles dafür geben, die Tennistradition im Herzen der Stadt fortzuführen.

Hamburg kann als Tennisstandort florieren

Wie es im Übrigen auch Michael Stich getan hat, der von 2009 bis 2018 das Herrenturnier zunächst rettete, mit viel zu wenig Unterstützung seitens der Stadt und des Deutschen Tennis-Bundes als Lizenzin­haber weiterentwickelte und in gutem Zustand an seine Nachfolger übergab. Stadt und Verband, auch das ist zu begrüßen, haben gelernt.

Sie wissen endlich zu schätzen, was der Rothenbaum als Marke in der Sportwelt bedeutet, und haben, maßgeblich unterstützt mit acht Millionen Euro aus der Stiftung von Sportmäzen Alexander Otto, mit der Neugestaltung der Anlage die Grundlage dafür geschaffen, dass Hamburg als Tennisstandort florieren kann.

Mehr Menschen auf die Anlage in Hamburg locken

In den kommenden Jahren wird es, sofern kein neues Unheil aufziehen wird, nun darauf ankommen, die Weiterentwicklung auf sportlicher und gesellschaftlicher Ebene voranzutreiben. 2019, im ersten Jahr unter ihrer Ägide, haben die Reichels mit einer ansprechend gestalteten Anlage und frischen Ideen für die Betreuung der Aktiven und das Rahmenprogramm angedeutet, was ihre Vorstellung eines modernen Turniers ist.

2022 sollten sie versuchen, mit einem niedrigschwelligen Angebot noch mehr Menschen auf die Anlage zu locken, die keine ausgewiesenen Tennisfans sind. Sie sollten sich bemühen, gemeinsam mit allen Partnern frühzeitig die Terminierung festzulegen und sich dabei auf ein sogenanntes Back-to-back-Event – die Damen in der Woche vor den Herren wie in diesem Jahr – konzentrieren. Ein kombiniertes Turnier innerhalb einer Woche birgt die Gefahr, dass die Zufriedenheit, die alle Teilnehmenden rückmelden, unter der dann entstehenden Enge auf der Anlage leiden würde.

Zuschauerzahlen waren diesmal enttäuschend

Dauerhaft funktionieren kann das Ganze allerdings nur, wenn diejenigen mitziehen, für die der Aufwand getrieben wird: die Zuschauerinnen und Zuschauer. Dass es in den zurückliegenden zehn Turniertagen kein einziges Mal gelungen ist, auch nur annähernd die erlaubten 3500 Plätze auf dem Center Court auszuverkaufen, ist schlicht eine Enttäuschung.

Masken- und Testpflicht hin, zu wenig Werbung angesichts der spät feststehenden Termine und Teilnehmer her: Der Besuch am Rothenbaum ist sicher und bietet gute Unterhaltung. Nicht nur die Reichels, sondern alle, die den Mut haben, Veranstaltungen durchzuführen, verdienen Unterstützung. Immer, aber in diesen Zeiten umso mehr.

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