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Umgang mit Obdachlosen: Die Rechnung für das Wegsehen

Christoph Heinemann
Der Autor ist Chefreporter der Lokalredaktion des Abendblatts.

Der Autor ist Chefreporter der Lokalredaktion des Abendblatts.

Foto: Monika Drews / HA

Statt Kosten und Wohltaten gegenüberzustellen, sollten wir diskutieren, warum es so viele Bedürftige gibt – und was wir dagegen tun.

Hamburg. Es waren extreme Tage, selbst für die leidgeprüften Helfer: mehr als 110 Obdachlose, eingesperrt und bewacht, nachdem es im Winternotprogramm zu einem Corona-Ausbruch gekommen war. Schon während der Zwangsquarantäne an der Schmiedekoppel fühlten sich all jene bestätigt, die darauf gedrängt hatten, mehr Obdachlose in leer stehenden Hotels einzuquartieren. Und nun, werden sie sagen, komme die Rechnung. 700.000 Euro pro Monat (!) kostete zuletzt allein die Bewachung der Obdachlosenunterkünfte. Tatsächlich ist es nicht ganz so einfach.

Zwar weiß die Sozialbehörde selbst, dass die Sicherheitsfirmen in Krisenzeiten keinen Rabatt gewähren, im Gegenteil. Und ja: Erneut trug auch die Angst vor einer Neiddebatte dazu bei, dass die Stadt in der Pandemie nichts bis zu wenig für eine bessere Unterbringung unternahm. Aber die Vorstellung, alle Bewohner der Unterkünfte auf Vier-Sterne-Häuser zu verteilen und glücklich den Lockdown aussitzen zu lassen, war nie mehr als ein schöner Gedanke.

Obdachlose: Kosten und Wohltaten nicht gegeneinander aufrechnen

Schon zu normalen Zeiten erleben Helfer, dass Obdachlose auf dem Balkon schlafen, obwohl man ihnen endlich eine Wohnung vermittelt hat. Dass manche, die ein Hotelzimmer bekamen, damit überfordert waren und wieder in der Notunterkunft eincheckten. Dass wir zu oft in Schablonen über Menschen denken, die nur verbindet, dass sie nicht in ein Raster passen.

So bringt es wenig, die Kosten nun gegen mögliche Wohltaten aufzurechnen. Stattdessen sollten sie Anlass für eine überfällige Debatte sein. Warum ist die Zahl der Bedürftigen so stark gestiegen? Und was unternehmen wir dagegen? Die Antworten liegen auch in der Ausbeutung und in der Wohnungspolitik. Nach ihnen zu suchen wäre nicht nur menschlich geboten, sondern auch finanziell vernünftig.

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