Meinung
Leitartikel

Aktion #allesdichtmachen ist verblüffend empathielos

| Lesedauer: 4 Minuten
Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Die Satire-Aktion #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik erhitzt die Gemüter. Mit der Aktion kritisieren Schauspieler die Corona-Politik und ernten Empörung. Mehr dazu im Video.

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Satire darf kontrovers sein – sie darf aber auch kritisiert werden. Die Schauspieler-Aktion trägt enormes Spaltpotenzial in sich.

Ironie ist ein Stilmittel, das nicht immer und nicht von allen verstanden wird, deshalb hat der liebe Gott den Zwinker­-Smiley erfunden. Satire darf alles, wie wir wissen. Sie darf kontrovers sein. Sie darf allerdings auch kritisiert werden.

So wie aktuell die Aktion #allesdichtmachen, mit der mehr als 50 prominente Schauspieler – darunter mit Jan Josef Liefers, Ulrike Folkerts, Ulrich Tukur und Richy Müller eine geradezu auffallend hohe „Tatort“-Quote – die Corona-Politik der Bundesregierung ins Lächerliche ziehen, indem sie sich unter anderem über Maßnahmen zur Ansteckungsvermeidung lustig machen und implizit deren Sinnhaftigkeit infrage stellen.

#allesdichtmachen sei "selbstgefällige Dämlichkeit"

Wofür es nun einerseits Jubel aus den Reihen der AfD, vom früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen und von einschlägigen Verschwörungsgläubigen gibt, andererseits entsetzte Gegenrede von Kolleginnen und Kollegen wie Nora Tschirner, Christian Ulmen oder Hans-Jochen Wagner, der der Aktion „selbstgefällige Dämlichkeit“ attestiert.

Nun könnte man argumentieren: Locker bleiben. Man kann sich nicht aussuchen, von wem man Applaus bekommt. Aber sollte es einem nicht doch zu denken geben? Zumal wenn die Video-Beiträge von den Verfassern selbst vorausschauend mit „#FCKNAZS“, also: „Fuck Nazis“, dekoriert sind. Wer in einer Situation, in der Journalisten auf Querdenker-Demonstrationen tätlich angegriffen werden, „den Medien“ Manipulation unterstellt, wie Jan Josef Liefers es tut, wer davon raunt, „die meisten Journalisten“ seien „einem Chor beigetreten“, der bedient – ob nun wissentlich und willentlich oder nicht – Narrative, die den „Lügenpresse“-Rufern zumindest in die Hände spielen.

Mehr als 80.000 Corona-Tote in Deutschland

Verblüffend empathielos wirkt eine solche Aktion zudem in einer Phase, in der Angehörige allein in Deutschland um 80.000 Tote trauern müssen. Der Zeitpunkt fügt dem Inhalt eine Ebene hinzu, die von vielen Ärztinnen und Pflegekräften, von Intensivmedizinern, die sich mit der Möglichkeit einer Triage konfrontiert sehen, als Hohn empfunden werden muss. Befeuert auch durch die ästhetische und emotionale Anmutung der Filme: „Hohn wohnt im lichtdurchfluteten Altbau“, stellte der Hamburger Schriftsteller Saša Stanišić via Twitter fest.

Der „Protest“ hat einen Kontext. Dass der Moderator, Autor und Notfallsanitäter Tobias Schlegl den Teilnehmenden rät, „sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät“ zu schieben, kommt nicht von ungefähr. Wie fragil unser Zusammenleben mittlerweile ist, zeigen dabei sowohl die Aktion selbst als auch die emotionalen Reaktionen. Es mag nicht allen bewusst und erst recht nicht beabsichtigt sein, aber der Zynismus trifft auch jene, die sich um Angehörige sorgen oder die sich unter schwierigsten persönlichen Bedingungen solidarisch verhalten haben.

Die Kultur trägt eine große Last in der Krise

Letztlich trifft er übrigens auch die Kultur, die eine überproportionale Belastung in dieser Krise trägt. Überraschen kann es also ernsthaft niemanden, dass das Gerechtigkeitsempfinden da leidet. Aber sind diese Filme ein geeigneter Diskussionsbeitrag? Die Pandemie lässig herunterzuspielen und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung instagramtauglich in Zweifel zu ziehen, indem man wie Richy Müller „ironisch“ in Plastiktüten atmet, ist kontraproduktiv.

Zu den leider komplexen Wahrheiten gehört nämlich, dass niemand einen derart kräftezehrenden Dauerzustand wie diesen will oder aushält – und dass es schneller vorbeigeht, je konsequenter gehandelt, je genauer kommuniziert wird. An beidem hapert es.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Das Tragische: Eigentlich verfolgen (fast) alle das gleiche Ziel. Aber während es paradoxerweise ausnahmslos gemeinsam zu erreichen ist, trägt eine verunglückte Aktion wie diese ein enormes gesellschaftliches Spaltpotenzial in sich. Und auch wenn Einzelne – wie Heike Makatsch, die bereits am frühen Morgen „zutiefst bedauert“, wie Kostja Ullmann, der sich entschuldigt und den „Grundkonsens von Verantwortung und Rücksichtnahme“ beschwört – ihr Video rasant wieder zurückgezogen haben, haben vor allem populistische Kräfte gerade eine neue Stärkung erfahren.

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