Meinung
Leitartikel

Mein Corona-Wahnsinn: Weiß die Politik, wie es Eltern geht?

| Lesedauer: 4 Minuten
Iris Mydlach
Iris Mydlach,
stellvertretende
Leiterin der
Sportredaktion.

Iris Mydlach, stellvertretende Leiterin der Sportredaktion.

Foto: Mark Sandten

Kinder zu Hause, Homeoffice, keine Zeit für uns selbst. Warum passiert immer noch so wenig, um Eltern das Leben einfacher zu machen?

Hamburg. Der Münchner Journalist Georg Cadeggianini ist Vater von sechs Kindern und hat ein Buch darüber geschrieben, er gab ihm den Titel „Aus Liebe zum Wahnsinn“. In den vergangenen Tagen habe ich mich öfter dabei ertappt, das Buch aus dem Regal zu ziehen und auf die Zeile zu starren, weil auch bei uns der Wahnsinn ausgebrochen ist – ich allerdings wenig Liebe dabei empfinde.

Drei Wochen ist es her, dass wir unsere Kinder, sechs und fünf Jahre alt, aus Kita beziehungsweise Grundschule abgemeldet haben, um nicht nur uns selbst, sondern auch unseren schwerbehinderten Sohn zu schützen. Die Entscheidung fiel spontan mit Blick auf die steigende Inzidenz und die Tatsache, dass weder die Kinder in den Kitas noch in den Grundschulen täglich getestet wurden.

Das Chaos hat übernommen

Seitdem hat bei uns zu Hause das Chaos übernommen. Auch diesen Text werde ich, wie so viele in den vergangenen Tagen, in Abschnitten von fünf bis zehn Minuten schreiben, weil wieder eines der beiden Kinder Hunger hat, die Aufgabe nicht versteht, gerade die Trinkflasche über dem Matheheft ausgelaufen ist oder sich die Vorderräder des Rollstuhls im Teppich verhakt haben. Ich bin inzwischen dankbar für jede kurze Meldung, die ich schreiben kann, weil sie in etwa meiner aktuellen Konzentrationsspanne entspricht. Meinem Mann geht es nicht anders.

Als wir vor mehr als einem Jahr vor einer ähnlichen Situation standen, gingen wir mit einer Mischung aus Abenteuerlust und Wir-können’s-eh-nicht-ändern in die Situation – es war ja auch Frühling. Ein Jahr später sind unsere Kräfte am Ende, da helfen auch die ersten wärmeren Tage nicht viel.

Es geht um die mentale Gesundheit der Kinder

Der Wahnsinn hat Methode und gesellt sich zu dem Gefühl, dass es eigentlich niemanden so recht interessiert, was Eltern wie wir jeden Tag leisten (müssen), um uns und unseren Kindern gerecht zu werden – nicht nur, was das tägliche Pensum an Sport, Spiel und Heimunterricht betrifft, sondern vor allem auch die mentale Gesundheit unserer Kinder.

Stattdessen streitet so manche Partei lieber tagelang über die Kür ihres Kanzlerkandidaten, was mich und viele andere Eltern nur noch müde mit dem Kopf hat schütteln lassen. Okay, das ist gerade euer wichtigstes Thema? Ernsthaft?

Wie lang reicht unsere Kraft noch?

Die Zahlen der Kinder in den Hamburger Kitas steigen trotz Notbetreuung wieder in die Höhe. Mich wundert’s nicht. Ehrlich gesagt habe ich Verständnis für Eltern, die mit ihrer Kraft inzwischen am Ende angekommen sind.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auch wir wissen nicht mehr, wie lang unsere Kraft noch reicht, wie viel Kindergeschrei wir noch aushalten, wie viel Krisenmodus wir noch wegmoderieren können, und ich glaube, dass es an dieser Stelle auch keine Rolle mehr spielt, ob man ein behindertes Kind hat oder nicht, ob man eines hat oder gleich sechs.

Wir sind unglaublich müde

Wir können nicht mehr, wir sind unglaublich müde. Es fehlt uns gerade an fast allem: an Zeit für uns selbst, Ruhe und Konzentration und natürlich an einer Per­spektive, wie das alles bis zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs für Kinder weitergehen soll.

Ich selbst habe das Privileg, bereits geimpft worden zu sein; viele andere müssen noch warten und behalten ihre Kinder allein aus diesem Grund noch zu Hause. Tja, und da sitzen wir nun.

Luftfilteranlagen in Klassenzimmern, eine tägliche Testung von Schulkindern und vielleicht auch mal ein Wechselmodell für packevolle Krippen und Kitas – warum passiert eigentlich noch immer so wenig, um uns Eltern das Leben einfacher zu machen? Denn eines ist klar: Sollten auch wir einknicken und die Kinder zurück in Schule und Kita schicken, bin ich zwar das Geschrei für ein paar Stunden los. Nicht aber meine Angst.

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