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Ist der Fußball noch zu retten?

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Henrik Jacobs ist
Redakteur in der
Abendblatt-Sportredaktion.

Henrik Jacobs ist Redakteur in der Abendblatt-Sportredaktion.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Der schönste Sport der Welt hat eine schlimme Woche hinter sich. Hoffnung machen ausgerechnet jene, die gerade nicht dabei sind.

Hamburg. Es ist einer der Lieblingssätze von HSV-Sportvorstand Jonas Boldt: „Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt der Manager bei vielen sich bietenden Gelegenheiten. Dass Boldt ihn so häufig wiederholt, hat weniger damit zu tun, dass ihm kein anderer Satz einfallen würde. Vielmehr liegt es daran, dass sich im Fußball einfach so viele Gelegenheiten bieten, ihn zu zitieren.

So wie in dieser Woche. Selten zuvor hat der Fußball in Deutschland und Europa innerhalb weniger Tage so viele Nachrichten produziert, die für kollektive Empörung und Aufschreie sorgten. Angefangen mit der absurden Vereinbarung von zwölf europäischen Topclubs über die sogenannte Super League, die schon zwei Tage später vorerst wieder Geschichte war. Was für eine Schmach.

Umstrittene Reform der Champions League

Und während sich die Uefa öffentlichkeitswirksam echauffierte, verabschiedete sie nicht einmal 24 Stunden später im Schatten des Super-League-Bebens die umstrittene Reform der Champions League. Ab 2024 erhöht sich die Anzahl der Teilnehmer von 32 auf 36, die Anzahl der Spiele von bislang 125 auf 225. Der Zweck der Reform ist schnell erklärt: Money, money, money. Was für eine Scheinheiligkeit.

Und dann war da ja noch der Abstieg des FC Schalke 04 aus der Fußball-Bundesliga, der einige verstrahlte Chaoten aus dem Fanlager des Revierclubs in der Nacht zu Mittwoch dazu animierte, die Spieler des eigenen Clubs nach der Ankunft am Stadion zu jagen und körperlich anzugreifen. Was für eine Schande.

Spiegelbild für die Gesellschaft

Drei Ereignisse, die als Spiegelbild für die Gesellschaft dienen in einer Zeit, in der korrupte Politiker sich inmitten in einer globalen Pandemie beim Geschäft mit Masken bereichern, Privatbanken im Steuerskandal versinken oder selbst ernannte Querdenker den Reichstag stürmen wollen. Es läuft vieles schief in unserer Gesellschaft, aber eben auch in unserem geliebten Fußball.

Dabei ist es gerade einmal ein Jahr her, dass die Corona-Pandemie nach ihrem Beginn wie ein Brennglas die Krankheiten des Systems Profifußball offenlegte und viele Clubs mit einem Schlag – besser gesagt mit einem fehlenden Nachschlag TV-Geld – an den Rand der Existenzgefahr gerieten.

Funktionäre gelobten Besserung

Die Funktionäre gelobten Besserung, verkündeten Demut und versprachen Reformen. Doch die einzig nennenswerte Reform ist seit Montag die Aufblähung der Champions League. Hinzu kommt noch die Conference League. Die Nations League ist ja schon da. Und irgendwann kommt dann sicher auch die Super League. Wie wäre es sonst noch mit einer World League?

Dabei merke ich selbst, dass bereits die bestehende Champions League bei mir nichts mehr auslöst. Ich habe noch nicht ein Spiel der aktuellen Königsklassensaison gesehen. Auch die Bundesliga verfolge ich eigentlich nur noch, um die Ergebnisse meines Tippspiels und des Kicker-Managerspiels abzugleichen. Mein schwindendes Interesse hat natürlich mit den fehlenden Fans zu tun. Aber eben auch mit der Übersättigung und der zunehmenden Ungleichheit des Geschäfts.

Fanverbände sind immer lauter geworden

Ist der Fußball noch zu retten? Ja, das ist er. Und zwar ausgerechnet von denen, die seit einem Jahr gar nicht mehr dabei sind: von den Fans. Analog zu den immer größer werdenden Irrungen und Wirrungen der Fußballverbände sind seit einem Jahr die Stimmen der Fanverbände immer lauter geworden.

Und sie finden Gehör. Die Initiative Unser Fußball. Die Fanvertretung Unsere Kurve. Im Volkspark gibt es jetzt die Bewegung Unser HSV. Ein Bündnis aus aktiven Fans, die sich dafür einsetzen, nachhaltige Veränderungen im Fußball voranzutreiben. Für einen Fußball, der von der Basis mitgestaltet wird. Für einen Fußball, der gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Für einen Fußball, der Haltung zeigt.

Ereignisse, die Mut machen

Was die Fans bewegen können, zeigte sich nicht erst in dieser Woche, als ihr Aufstand dazu beitrug, dass die Super League zur Totgeburt wurde. Sie haben zuvor ihren Einfluss gezeigt, als sie für die Abschaffung der Montagsspiele sorgten und für die Beibehaltung der parallelen Anstoßzeit um 15.30 Uhr.

Diese Ereignisse machen Mut, dass der Fußball, wie wir ihn lieben, noch zu retten ist. Damit man in Zukunft vielleicht mal sagen kann: Die Gesellschaft ist ein Spiegelbild des Fußballs. ​

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