Meinung
Die wilden Zwanziger

Wie ich einen Podcast entdeckte – und noch viel mehr

| Lesedauer: 5 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (28) ist
Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Manchmal gehen Lehren fürs Leben verschlungene Wege. In meinem Fall von einem Doppelmord zu Pippi Langstrumpf und der Nächstenliebe.

Hamburg. Podcasts waren nie mein Ding. Ich schaue gern Serien, bin in den sozialen Medien unterwegs, lese am liebsten Bücher. Da muss ich mich nicht auch noch von fremden Stimmen in meinem Handy berieseln lassen. Bis vor Kurzem war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich in meinem Leben ganz gut ohne Podcasts auskomme. Dann hat mir eine Freundin „Die Nachbarn“ von Leonie Bartsch und Linn Schütze empfohlen.

Jede freie Minute habe ich genutzt, um mir die investigative Reportage der beiden Journalistinnen anzuhören – sie lief beim Autofahren, Kochen, Abwaschen, sogar beim Zähneputzen. Der Podcast handelt von dem Fall Andreas Darsow, der 2009 das Nachbarsehepaar in Babenhausen wegen Ruhestörung ermordet haben soll. Seit zehn Jahren sitzt der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte Familienvater im Gefängnis. Zu Unrecht?

Unglaublich spannende Folgen

Dieser Frage gehen Bartsch und Schütze auf den Grund. Sie recherchieren am Ort des Geschehens, sprechen mit der Ehefrau des Verurteilten, mit Anwälten, ehemaligen Kollegen und etlichen Bewohnern der Kleinstadt in Hessen. Als Hörer merkt man, wie viel Arbeit und Liebe in jeder Minute dieser fünf, wie ich finde, unglaublich spannenden Folgen stecken.

Ich habe „Die Nachbarn“ vielen Freunden weiterempfohlen, ihnen vorgeschwärmt, wie klasse ich diesen Podcast finde. Dann fiel mir auf: Den Einzigen, denen ich meine Begeisterung nicht mitteilte, waren die Macherinnen selbst. Diejenigen, die so viel Energie in die Recherche gesteckt haben und sich vermutlich am meisten über ein positives Feedback freuen würden.

Nette Worte häufiger aussprechen

Sie können zwar sehen, wie viele Menschen ihren Podcast hören, wie er im Ranking gelistet ist – sie wissen aber nicht, wie er draußen wirklich ankommt, wer ihre Hörer sind. Außer man sagt es ihnen. Deswegen habe ich vorige Woche meine erste Fangirl-Mail geschrieben.

So ziemlich jeder Mensch freut sich über nette Worte. Für mich habe ich festgestellt und beschlossen: Ich sollte sie häufiger aussprechen und nicht bloß denken. Wie oft denke ich darüber nach, wie froh ich bin, liebe Menschen in meinem Leben zu haben. Sag es ihnen doch! Sag der Kollegin, dass sie einen super Job macht, ein hübsches Kleid trägt und du glücklich bist, sie als Ansprechpartnerin zu haben.

Einmal dem Postboten Danke sagen

Wie wäre es, dem Postboten einmal Danke zu sagen, dass er jeden Tag drei Stockwerke hoch- und runterrennt, um dir deine Briefe durch den Türschlitz zu stecken. Oder du deinem Zahnarzt mitteilst, dass du dich sehr wohl in seiner Behandlung gefühlt hast, obwohl du ihm eigentlich ungern einen Besuch abstattest.

Frei nach Pippi Langstrumpf: „Warte nicht darauf, dass die Menschen dich anlächeln – zeige ihnen, wie es geht!“

Nun mag sich manch einer an dieser Stelle vielleicht fragen, wie man von einem Podcast über einen Doppelmord zu Pippi Langstrumpf und Nächstenliebe kommt. Ich hätte „Die Nachbarn“ auch als Anlass nehmen können, um über die Härte der Justiz und mögliche Fehlurteile zu schreiben. Aber ich habe mich dagegen entschieden, weil ich der Meinung bin, dass wir jeden Tag schon genug mit negativen Nachrichten konfrontiert sind.

Zwei Seiten der Medaille

Es gibt fast immer zwei Seiten der Medaille, und ich habe das Gefühl, dass der Blick dringend wieder auf die positive Seite gerichtet werden sollte. Hin oder her, ob die Botschaft „Seid nett zueinander“ einigen zu weichgespült erscheinen mag: Mir ist sie wichtig.

Nach über einem Jahr im Pandemie-Zustand nehme ich den Ton untereinander als rauer wahr. Von einem anfänglich starken Zusammenhalt, als sich Fremde beim Spazierengehen freundlich grüßten, lassen viele Menschen nun ihren Corona-Frust aneinander aus. Wenn sie genauso leidenschaftlich füreinander einstehen würden, wie sie sich beschimpfen, wären wir einen großen Schritt weiter.

Corona-Situation zerrt an den Nerven

Die Situation zerrt an den Nerven. Nette Worte können die leeren Kassen der Konzerthäuser, Gastronomien oder Hotels nicht füllen. Sie helfen aber, um den Glauben an bessere Zeiten nicht aufzugeben. Sie tragen dazu bei, dass sich der Single in seiner Junggesellenbude nicht mehr ganz so einsam fühlt. Dass der Mitarbeiter im Homeoffice genauso motiviert ist wie im Büro. Ein toller Nebeneffekt: Wer Freude gibt, fühlt sich selbst viel besser. In diesem Sinne: Danke, dass ich Podcasts für mich entdecken durfte!

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung