Meinung
Politik auf der Couch

Kanzlerkandidatur: Die Rollen sind verteilt

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher
über den Kampf
um das Kanzleramt.

Hajo Schumacher über den Kampf um das Kanzleramt.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Hier ein bayerischer Machtprotz, da ein rheinisches Weichei namens Laschet – die Rollen scheinen verteilt. Zu Recht?

Der Chef einer bayerischen Provinzklinik traute seinen Ohren nicht. Die Staatskanzlei aus München war am Telefon, keine Stunde, nachdem in der Klinik ein Mann mit einer ungewöhnlichen Mutante des Coronavirus eingeliefert worden war. Ordnungsgemäß hatte die Klinik den Fall gemeldet. Und umgehend war Söders Machtzentrale am Apparat, um Details zu erfahren.

Über die bayerische Regionalpartei lässt sich viel Böses sagen, manches zu Recht, aber im Freistaat ist die CSU exzellent verdrahtet. Deutschlands letzte Volkspartei vereint Hipsterin und Lederhose, Landfrauen und Masken-Profiteure unterm Rautenbanner und hinter ihrem schneidigen Anführer.

Anführer und Laufenlasser

Macht darstellen, das kann Markus Söder, ganz anders als Armin Laschet, der Rheinisch-Liberale, der gemütlich Irrlichternde, der nachdenken muss, um sich nach Ostern eine Pandemie-Haltung zuzulegen, die die Kollegen Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin vor Ostern beschlossen hatten. Die klassische Kanzlerfrage „Von wem würden Sie einen Gebrauchtwagen kaufen?“ lautet in Corona-Zeiten: „Von wem würden Sie sich lieber durch eine Pandemie führen lassen?“ Und die ist von den Umfragen klar beantwortet: Markus Söder.

Anführer und Laufenlasser, Kraftprotz und Weichei – die Rollen zwischen den Kanzlerkandidatenkandidaten sind verteilt. Aber die Macht ist es nicht. Da liegt Laschet vorn. Söder herrscht, aber nur in Bayern. Auf dem Weg von München bis zum Kanzleramt nach Berlin verliert sich die beeindruckende Regionalmacht.

CSU bleibt die deutlich kleinere der beiden Unions-Schwestern

Auch mit Söders Wucht bleibt die CSU die deutlich kleinere der beiden Unions-Schwestern, die mal ein Viertel, mal ein Fünftel zum Ergebnis einer Bundestagswahl beiträgt. Nach Mandaten und Prozentanteilen ist der Landeschef der NRW-CDU in etwa so mächtig wie Söder und hat als Bundesvorsitzender 14 weitere Landesverbände im Kreuz, die ihren Parteichef nicht mögen müssen, aber auch nicht gleich überlaufen werden. Von Aachen-Burtscheid aus gesehen ist der bayerische Löwe nicht viel mehr als ein Plüschtier mit Vuvuzela.

Deswegen wird das baldige Gespräch zwischen Söder und Laschet über die Kanzlerkandidatur nicht auf Augenhöhe, sondern mit einem klaren Machtgefälle bestritten. Will Armin Laschet die vorletzte Stufe auf dem Weg zu Europas machtvollstem Posten erklimmen, hat der CSU-Chef sich zu fügen. Der Bayer ist gefesselt: Söder kann nur Kanzler werden, wenn der CDU-Chef ihn lässt. Und das wird nur passieren, wenn Laschet keine Chancen sieht, was die aktuellen Umfragen durchaus hergeben.

Kampf um die Macht wird zu einem Heiße-Kartoffel-Spiel

So kann der Kampf um die Macht schnell zu einem Heiße-Kartoffel-Spiel werden: Wer lässt sich bei der Bundestagswahl vermöbeln und beendet zugleich seine Laufbahn als Landesfürst? Söder kann eine Kanzlerkandidatur um jeden Preis nicht verlockend finden. Das bayerische Trauma, die Niederlagen von Franz Josef Strauß (1980) und Edmund Stoiber (2002), sitzt tief. Dann lieber weiter als Ministerpräsident. Wäre da nicht diese miese mächtige Eitelkeit.

Es war Angela Merkel, die einer solchen Versuchung einst widerstand. 2002 teilte eine mächtige Männerriege der CDU-Chefin mit, dass Edmund Stoiber Kanzlerkandidat der Union werde. Angela Merkel tobte, fuhr dann aber doch nach Wolfratshausen, um dem CSU-Chef die Kandidatur auf dem Frühstückstablett anzudienen. Im Gegenzug ließ sie sich den Fraktionsvorsitz zusichern, gleichsam als Garantie auf die nächste Kandidatur, sollte Stoiber scheitern.

Für Laschet keine Option. Er ist zu alt, um Söder verlieren zu sehen. Und was wäre, wenn der Bayer gewinnt und sich eine Ewigkeit im Kanzleramt einnistet? Söder wiederum könnte warten, ahnt aber auch, dass die Führungskrise der großen CDU nach der Ära Merkel bald behoben wird. Gut möglich, dass der beliebte Fraktionschef Ralph Brinkhaus nach vergeigter Bundestagswahl 2021 Partei- und Fraktionsvorsitz anstrebt, um 2025 unangefochten anzutreten. Das wäre die Methode Merkel.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung