Meinung
Dohnanyi am Freitag

Merkels Osterruhe-Fehler: Der Fluch der langen Sitzungen

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Matthias Iken
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Sven Simon/Andreas Laible / imago images/HA

Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi im Gespräch mit Matthias Iken. Heute über Merkels Osterruhe-Fehler.

Hamburg. Matthias Iken: Paukenschlag in Berlin: Die Kanzlerin hat überraschend die Osterruhe gekippt Ist das klug gewesen?

Klaus von Dohnanyi: Die Entscheidung „Osterruhe“ erwies sich aus rechtlichen und praktischen Gründen als nicht durchführbar. Sie zurückzunehmen war notwendig und der Stil der Bundeskanzlerin dabei beeindruckend. Natürlich: So etwas darf eigentlich nicht passieren. Wer allerdings selbst ähnliche Situationen erlebt hat, Verhandlungen gelegentlich länger als 24 Stunden mit Partnern sehr unterschiedlicher Interessen, zum Beispiel in Brüssel oder in einer unnachgiebig streitenden Partei in Hamburg, der wird vorsichtiger in seinem Urteil.

Henning Voscherau trat einmal in so einer Situation als SPD-Fraktionsvorsitzender plötzlich entnervt zurück, und ich musste ihn im pladdernden Regen über die Straße aus seinem Büro zurück in die Fraktion holen. Lange Sitzungen machen Entscheidungen selten besser.

Iken: Bislang schien die Stimmung in Deutschland besser als die Lage – ist
es nun umgekehrt?

Dohnanyi: Leider ja. Meinungsumfragen bestätigen das: Die Corona-Lage ist objektiv schlecht und das politische Vertrauen dramatisch gesunken. Zum Teil sicher auch wegen der Hoffnung, „jetzt impfen wir, und dann ist alles wieder gut“. Irrtum, denn das Virus wandelt sich und bleibt unberechenbar!

Außerdem fehlt der Impfstoff, weil Europa sich wieder mal nicht rechtzeitig einigen konnte. Und dann diese Fehlentscheidung „Osterruhe“ – die wird noch lange zu verdauen sein! Aber ohne Vertrauen ist politische Führung in der Demokratie kaum möglich. Das muss dringend zurückgewonnen werden.

Iken: Sie strahlen Zuversicht aus. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Dohnanyi: Wohl auch aus Lebenserfahrung: Als 18-Jähriger, 1946, kochte ich in München für unsere Familie auf einem holzbefeuerten Ofen im Schlafzimmer selbst geschrotete Gerstenkörner zur täglichen Breispeise, die garte dann in einer sogenannten „Kochkiste“ nach. Und heute? Nur nicht jammern um die Jugend! Die wird sich nach Corona schon zu helfen wissen. Neue Lage, neue Chancen! Ich vertraue auf unsere oft bewährte Kraft. Deutschland hat noch viele Reserven!

Jeden Freitag beantwortet Klaus von Dohnanyi aktuelle Fragen. Neu im Handel ist das Magazin über sein Leben.

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