Meinung
Post aus Washington

Diskriminierung und Hass: Die Not der Asiaten in Amerika

| Lesedauer: 3 Minuten
Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.

Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.

Foto: Privat

Tausende Fälle von Diskriminierung und Hass seit März 2020: Was Trump damit zu tun hat – und wie Betroffene sich wehren.

Washington. Kennen Sie Grace Meng? Die 45 Jahre alte Demokratin mit taiwanesischen Wurzeln hat just einen Satz gesagt, der im Lichte des Massenmords von Atlanta, bei dem in Massagesalons acht Menschen von einem 21-Jährigen erschossen wurden, darunter sechs asiatischstämmige Frauen, besonders bitter nachklingt; auch wenn das Tätermotiv noch nicht vollständig ermittelt ist.

Abseits der Coronaplage, sagte Meng im Justiz-Ausschuss des Kongresses in Washington den Tränen nahe, „haben Asian-Americans seit einem Jahr gegen ein zusätzliches Virus gekämpft“. Gemeint waren „Hass“ und „Fanatismus“. Was Meng beklagt, hat die in Kalifornien ansässige Organisation „Stop AAPI Hate“ in Zahlen gefasst. Seit März 2020 wurden landesweit rund 4000 Fälle von Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit gegenüber Asiaten registriert; ein Anstieg gegenüber den Vorjahren im dreistelligen Prozentbereich.

„China-Virus“: Asiaten zu Sündenböcken gestempelt

Es blieb nicht bei „Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid“-Tiraden. US-Staatsbürger mit ethnischen Wurzeln in China, Vietnam und Korea wurden auf offener Straße geschlagen, angespuckt oder zu Boden gerissen. In San Francisco kam ein 84 Jahre alter Thai-Amerikaner ums Leben, als ihn ein junger Mann brutal über den Haufen rannte.

Viele Medien, Politiker und Wissenschaftler sind sich einig, dass die Attacken nicht von der Rhetorik des abgewählten Präsidenten Donald Trump zu trennen sind, der 2020 penetrant vom „China-Virus“ gesprochen hatte, wahlweise vom „Kung-Flu-Virus“; Flu – wie Grippe. Durch die Wortwahl, sagen Forscher an der Universität von Kalifornien, sind rassistische Ressentiments geschürt und Asiaten zu Sündenböcken gestempelt worden. Das Thema fand lange fast nur regional in den Medien statt.

Vor allem im Großraum Kalifornien, wo viele der 18 Millionen Amerikaner mit asiatischen Wurzeln leben. Noch vor der Tragödie von Atlanta, wo Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris Solidarität mit den Angehörigen der Opfer bekundeten („Hass kann keinen sicheren Hafen in Amerika haben“), hatte der Präsident die xenophoben Auswüchse als „unamerikanisch“ gegeißelt und kategorisch verlangt: „Das muss aufhören!“

Bidens Appelle wurden mit großer Dankbarkeit aufgenommen

Bidens Appelle wurden mit großer Dankbarkeit aufgenommen. Wirksamkeit verspricht man sich davon aber nicht wirklich. Zu groß, schildern Aktivisten, ist das Misstrauen gegenüber Polizei und Behörden. Und gegenüber einer Gesellschaft, die Asiaten heute noch latent das Gefühl gibt, sie seien Fremdkörper, Gäste auf der Durchreise.

Seit Jahresbeginn häufen sich Berichte in den Zeitungen, die daran erinnern, dass Asiaten im 20. Jahrhundert die Einwanderung in die USA gezielt erschwert wurde, dass japanischstämmige Amerikaner im Zweiten Weltkrieg in Internierungslager gesteckt wurden. Dass nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 asiatische Muslime, gesondert Sikhs, überfallen und verprügelt wurden.

Dunkelziffer der aktuellen Übergriffe ist entschieden höher

Die Dunkelziffer der aktuellen Übergriffe, die nicht zur Anzeige gebracht werden, sei entschieden höher als die offizielle Statistik, sagen Insider. In Oakland und andernorts haben sich darum Selbsthilfegruppen zusammengetan. Bestückt mit Übersetzern, die Mandarin oder Kantonesisch beherrschen, patrouillieren die Teams durch die Straßen und bieten Passanten Schutz an. „Asian America“ wehrt sich.

Am eindrucksvollsten tat dies Xiao Zhen Xie. Die seit über einem Vierteljahrhundert in San Franciscos „Chinatown“ beheimatete Frau stand an der Ampel, als sie ein Faustschlag am Kopf traf. Xie griff geistesgegenwärtig nach einer Holzlatte und zog sie dem Angreifer über den Schädel. Steve Jenkins (39) landete mit blutendem Gesicht auf einer Krankentrage. Eine Verurteilung ist ihm sicher. Xiao Zhen Xie ist 75 Jahre alt.

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