Meinung
Leitartikel

Notbremse – Hamburgs Senat handelt richtig

| Lesedauer: 3 Minuten
Insa Gall
Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Insa Gall leitet das Hamburg-Ressort des Abendblatts.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die kleine Freiheit ist vorbei – und die Auswirkungen der Lockerungen kommen erst noch. Wir brauchen harte Einschnitte.

Hamburg. Nun also „Kommando zurück“: Anstelle weiterer Lockerungen, auf die manche nach den harten ersten Monaten dieses Jahres gehofft haben mögen, werden die meisten der minimalen Öffnungsschritte jetzt wieder zurückgenommen. In Hamburg gilt ab diesem Sonnabend: weniger Kontakte, kein Terminshopping mehr, die Museen müssen wieder schließen. In nördlichen Umland der Hansestadt machen die Geschäfte, die erst vor zwei Wochen öffnen durften, erneut dicht. Die kleine Freiheit, sie währte nur sehr kurz.

Auch wenn wir alle dieser Pandemie seit Langem herzlich überdrüssig sind: Angesichts der rasant steigenden Zahl von Corona-Fällen ist die Entscheidung des Hamburger Senats, die sogenannte Notbremse zu ziehen, berechtigt – leider. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der bisher mit seinem vorsichtigen Kurs meist richtig lag, will nicht warten, bis sich die Intensivstationen wieder so stark füllen wie im Spätherbst.

Auswirkungen der Lockerungen in Hamburg kommen noch

Wer glaubt, es gebe derzeit noch Spielraum, sollte bedenken: Die steigende Zahl der Corona-Infektionen ist vor allem der zunehmenden Ausbreitung der britischen Virusmutante geschuldet, die mittlerweile für den größeren Teil der Fälle in der Hansestadt verantwortlich ist. Die Auswirkungen der vorübergehenden Lockerungen dürften angesichts der Kürze der Zeit in den steigenden Zahlen noch gar nicht enthalten sein. Sie kommen erst noch. Die dritte Welle, sie hat uns voll erwischt.

Mit dem Hin und Her, mit Öffnungen, die in kürzester Zeit wieder zurückgenommen werden, ist niemandem gedient – auch den Händlern nicht, die sich ständig neu ausrichten müssen. Ebenso wenig hilfreich ist das föderale Neben- und Gegeneinander, das gegenwärtig besonders im Norden Deutschlands zu besichtigen ist. Die in normalen Zeiten schon nicht ganz einfache Abstimmung innerhalb der Metropolregion ist in der Krise vollends gescheitert, auch wenn die Spitzenpolitiker in Hamburg und Schleswig-Holstein immer wieder betonen, sie seien miteinander im Gespräch.

Absprachen mit Schleswig-Holstein gescheitert

Wie darf man sich diese Gespräche vorstellen? Der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther ruft bei seinem Amtskollegen Tschentscher an und erklärt ihm, Schleswig-Holstein wolle die Geschäfte wieder aufmachen. Tschentscher wendet ein, er sei dagegen. Und dann öffnet der Norden dennoch. Das ist kein gemeinschaftlich vereinbarter, konsistenter Kurs, der zur Kenntnis nimmt, dass das Virus vor Kreis- und Ländergrenzen nicht haltmacht. Sondern eine Einladung zum ärgerlichen Einkaufstourismus im Norden. Auch wer jetzt noch laut vom Osterurlaub an der Küste träumt, weckt Erwartungen, die nach einem Jahr zwar verständlich, aber dennoch nicht erfüllbar sind.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Wir brauchen harte Einschnitte – so deprimierend das in dieser bleiernen Zeit auch ist. Dabei darf der Lockdown aber nicht die einzige politische Antwort bleiben. Notwendig sind intensive Testungen, um Infektionen (gerade in Schulen und Kitas!) möglichst früh zu erkennen. Und wir müssen so rasch wie möglich impfen und das Vakzin von AstraZeneca, dessen Ruf beschädigt ist, notfalls auch auf freiwilliger Basis verimpfen – möglichst rasch auch unter Einbeziehung der Hausärzte. Immerhin erwartet Hamburg in der ersten Aprilhälfte insgesamt 100.000 Impfdosen.

Jetzt heißt es also durchhalten. Und den Blick richten auf das Licht, das am Horizont auftaucht: Die Temperaturen steigen – das könnte helfen, das Virus einzudämmen, auch weil wir mehr im Freien sein können (was obendrein der Seele guttut). Und irgendwann im zweiten Quartal soll deutlich mehr Impfstoff geliefert werden. Hoffen wir, dass die Ankündigung dieses Mal stimmt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung