Meinung
Leitartikel

Impfstopp von AstraZeneca: Wie eine Krise in der Krise

| Lesedauer: 4 Minuten
Julia Emmrich
Julia Emmrich,
Politik-Korrespondentin.

Julia Emmrich, Politik-Korrespondentin.

Foto: Reto Klar

Warum das vorläufige Aus für das Vakzin so ärgerlich ist. Wie viel Vertrauen geht in den Wirkstoff verloren?

Hamburg. Auch das noch. Der Impfstopp für AstraZeneca hat uns gerade noch gefehlt. Das vorläufige Aus für Deutschlands zweitwichtigstes Vakzin ist wie eine Krise in der Krise. Sie trifft das Land im bislang heikelsten Moment der Pandemie. Die Nerven sind wund gescheuert. Die Inzidenzen steigen wieder Richtung 100er-Marke. Die Politik hat schon wieder die Hand an der Corona-Notbremse. Ostern im Lockdown – das wird jeden Tag wahrscheinlicher.

Und dann das: Das sicherste Mittel, um dauerhaft die Pandemie zu bekämpfen, der günstige, praktische Impfstoff der Uni Oxford, er ist vielleicht nicht ganz so sicher wie gedacht.

Und nun? Es gibt zwei denkbare Szenarien. Das erste wäre eine Katastrophe, das zweite eine schwere Hypothek. Sollte die europäische Arzneimittelbehörde entscheiden, dass beim Impfstoff von AstraZeneca der mögliche Schaden den Nutzen für Geimpfte übersteigt, und damit dem Vakzin das Vertrauen entziehen, hätte das katastrophale Folgen.

An AstraZeneca hängt der entscheidende nächste Schritt der Impfkampagne

Ohne AstraZeneca würde sich das Kriechtempo der deutschen Impfschnecke auch in den nächsten Monaten kaum erhöhen. Denn: An AstraZeneca hängt der entscheidende nächste Schritt der Impfkampagne – die unkomplizierten Impfungen in den Arztpraxen. Ohne AstraZeneca ist Merkels Ziel, bis zum Ende des Sommers allen ein Impfangebot zu machen, nicht zu halten. Stattdessen wird die Zahl der schweren und tödlichen Krankheitsverläufe bei Menschen, die längst geimpft sein könnten, zunehmen.

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Sollte die EU-Behörde dagegen grünes Licht für den Impfstoff geben, können die Spritzen in Praxen und Impfzentren zwar wieder aufgezogen werden – doch werden dann auch genügend Deutsche den Ärmel dafür hochkrempeln? Niemand kann exakt vorhersagen, wie viel Vertrauen am Ende durch den Impfstopp verloren geht.

Bereits jetzt gilt AstraZeneca nur als zweitbeste Lösung

Dass eine solche staatliche Misstrauenserklärung jedenfalls nicht ohne Folgen bleibt, ist klar. Bereits jetzt gilt AstraZeneca vielen wegen seiner leicht geringeren Wirksamkeit eben nur als zweitbeste Lösung. Dürfte man sich den Stoff aussuchen, würden die meisten wohl lieber die Biontech-Spritze nehmen.

War es also ein Fehler, die Impfungen überhaupt auszusetzen? Auf den ersten Blick: nein. Hätte Gesundheitsminister Jens Spahn sich gegen den Rat der Experten des Paul-Ehrlich-Instituts gestellt und einfach weitergeimpft, hätte das möglicherweise noch mehr Vertrauen gekostet. Und: Eine Lage, in der ein europäisches Land nach dem anderen die Reißleine zieht, nur Deutschland munter AstraZeneca spritzt, muss man als eh schon angezählter Minister erst mal aushalten können.

Es kommt auf jeden Tag an

Auf den zweiten Blick aber ist es vollkommen unverständlich, warum sich Spahn so hat treiben lassen: Warum gab es im Fall AstraZeneca keine gemeinsame europäische Linie? Wenn sich Deutschland, Frankreich, Italien und ein paar andere gewichtige Europäer zusammengefunden hätten, wäre es leichter gewesen zu sagen: Leute, es gibt sehr seltene Fälle von schweren Blutgerinnseln.

Wir prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt. Wir achten noch akribischer als bislang auf Impfreaktionen. Aber wir machen weiter. Weil es in der anschwellenden dritten Pandemiewelle auf jeden Tag ankommt, an dem mit allen Dosen, die der Kühlschrank hergibt, geimpft wird. So, wie es die Briten machen.

Karl Lauterbach, der Chef-Epidemiologe der SPD, sagt, er hätte das Impfen nicht gestoppt. Viele Ärztevertreter sehen das genauso. Doch dafür ist es nun zu spät. Jetzt kann man nur hoffen, dass die europäischen Arzneimittelexperten dem Impfstoff schnell und überzeugend das volle Vertrauen aussprechen. Alles andere wäre dann wirklich eine Katastrophe.

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