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Politik auf der Couch

16 Jahre Angela Merkel: „Danke, es reicht!“

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher,
über Alternativen
zu Schwarz-Rot.

Hajo Schumacher, über Alternativen zu Schwarz-Rot.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Wechselstimmung legt sich übers Land. Können sich die Deutschen eine Regierung ohne die Regierungspartei CDU vorstellen?

Die wunderbare Heimtücke, die ein Wahl-Slogan versprühen kann, ballte sich 1998 in vier Worten: „Danke Helmut, es reicht!“. Ganz Deutschland kapierte die Botschaft, selbst die härtesten Fans von Bundeskanzler Helmut Kohl ertappten sich dabei, wie sie, wenn auch widerwillig, nickten.

Sicherheitshalber flankierte Schröder den anstehenden Kanzlerwechsel mit einer „Veränderung ohne Risiko“, was ähnlich sinnig klingt wie Waschen ohne Wasser. Egal, die zur Überversicherung neigende deutsche Seele war beruhigt. Denn Veränderung mögen die Wähler nicht; es sei denn, der Überdruss ist mächtiger. Ist es 2021 wieder so weit?

Wechselstimmung ergreift die Bundesrepublik

Im CDU-Kernland Baden-Württemberg können sich die Wähler offenbar eine Regierung ohne CDU vorstellen. Amtsinhaber Kretschmann verkörpert christlich-bürgerliche Stabilität, die FDP bedient das Herzensthema Wirtschaft, eine gestutzte SPD lässt sich ertragen. In Kohls Heimat Rheinland-Pfalz wird die CDU ebenfalls nicht gebraucht.

Langsam gewöhnt sich Deutschland an den Gedanken, dass eine Ampel auch im Bund zu überleben sei; Schröders Rot-Grün hat das Land ja auch nicht umgebracht. Nach 16 Jahren Merkel ist es wieder so weit. Ein ungewöhnlich seltenes Naturschauspiel namens „Wechselstimmung“ ergreift die Bundesrepublik.

Das Land wünscht neues Personal

Ein Regieren ohne Angela Merkel, ohne Armin Laschet, womöglich gar ohne Union, die seit Gründung der Republik mehr als 50 Jahre das Kanzleramt bewohnt hat, scheint denkbar. Das Land wünscht neues Personal, berechenbar, aber agiler als jene Truppe, deren Müdigkeit durch die Pandemie noch schmerzhafter zu spüren ist.

„Sie kennen mich“, sagte die Kanzlerin im letzten Wahlkampf. Was damals Kontinuität signalisierte, klingt heute wie eine Drohung. Nach der vierten Staffel „Die Protestantin“ ist der Überdruss größer als die Sehnsucht nach Beständigkeit. Wobei nicht ganz klar ist, ob das Land nur merkelmüde ist oder auch CDU-satt.

Parallelen zu den bleiernen Jahren von 1994 bis 1998

Die Parallelen zu den bleiernen Jahren von 1994 bis 1998 sind, Covid hin oder her, erschreckend: Damals wie heute kämpfte eine mitleiderregend uninspirierte Truppe vorwiegend mit sich selbst. Die Kanzlerin immerhin ist schlau genug, Kohls Fehler nicht zu wiederholen und in einem Unverzichtbarkeitswahn ein fünftes Mal anzutreten.

Und nun? Seit den beiden Landtagswahlen drängen sich für den Bundestag ein CDU/CSU-freies Koalitionsmodell auf – die Ampel. In dieser Dreierkonstellation wäre es möglich, mit etwa 20 Prozent der Stimmen das Kanzleramt zu erobern. Ein wirtschaftsaffiner Kraftprotz der Schröder-Klasse ist nicht in Sicht, dafür wäre die FDP wieder dabei.

Schwarz-Grün ist schon lange geplant

Aber ließe sich das Land auf eine mutmaßliche Kanzlerin Annalena Baerbock ein, falls die Grünen vor der SPD landen? Oder profitiert ausgerechnet Olaf Scholz von einer gemäßigten Wechselstimmung, die da lautet: Ampel meinetwegen, aber nicht auch noch grün geführt? Die Alternative zur Ampel hieße Schwarz-Grün unter, höchstwahrscheinlich, CDU-Chef Laschet, der das Kunststück fertig bringen muss, sich deutlich von Angela Merkel abzusetzen, gleichwohl Stabilität zu verheißen und eine innerlich disparate Union zusammenzuhalten.

Signalisiert der katholische Westmann Laschet nach einer protestantischen Ostfrau Veränderung genug? Brächte der grüne Koalitionspartner mit seinem unverbrauchten Personal und einer bislang ungewöhnlich hohen Führungsprofessionalität genügend der magischen Energie namens „frischer Wind“? Geplant ist Schwarz-Grün schon lange, viele der möglichen Koalitionäre kennen sich noch aus Bonner Tagen. In Baden-Württemberg und Hessen hat sich dieses Modell bewährt.

Fest steht: Die Abenteuerlust der deutschen Wähler hält sich in Grenzen, deswegen sollten Reizworte wie „Reform“ vorsichtig dosiert werden. Der alte Fuchs Schröder hat 1998, in der letzten Wechselstimmung, die Tonlage vorgegeben: „Wir wollen nicht alles anders machen, aber vieles besser.“ Das ist genug Aufregung.

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