Meinung
Leitartikel

Hamburg unter Strom: Elektromobilität kommt in Fahrt

| Lesedauer: 4 Minuten
Georg J. Schulz
Georg J. Schulz
ist Chefreporter
beim Abendblatt.

Georg J. Schulz ist Chefreporter beim Abendblatt.

Foto: Andre Bruns / Bruns

Hansestadt steht in Sachen E-Mobilität zurzeit an der Spitze aller Bundesländer. Firmen-Flotten geben die Impulse.

Hamburg. Es gibt Zeiten, die man später einmal als historische Weg- oder Wendepunkte bezeichnen kann. Die Erfindung des Automobils Ende des 19. Jahrhunderts gehört dazu, die Entdeckung des Penizillins Anfang des 20. Jahrhunderts, leider der Zweite Weltkrieg, zum Glück der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 – und wahrscheinlich auch die Pandemie, die wir gerade erleben. Doch selbst wenn es mancher wegen Corona gerade verdrängt haben sollte: Das Überthema der 20er-Jahre des 21. Jahrhundert ist und bleibt der Klimawandel und die Reaktion der Menschheit darauf.

Keineswegs der einzige, aber doch ein nicht unerheblicher Aspekt des ökologischen Umdenkens betrifft den Sektor Verkehr: Rund 18 Prozent aller CO2-Emissionen erzeugt bislang die Mobilität auf der Straße, nur jeweils zwei bis drei Prozent sind es bei Flugzeugen und Schiffen. Es lohnt sich also, das Augenmerk der technologischen Weiter­entwicklung auf diese Sparte zu richten und Lösungen zu suchen, die einen Verzicht auf fossile Brennstoffe so schnell wie möglich machbar erscheinen lassen.

Angebot schafft Nachfrage

Schaut man sich in Deutschland um, steht Hamburg in Sachen E-Mobilität zurzeit an der Spitze aller Bundesländer. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass im Bestand erst 18 von 1000 Autos in unserer Stadt zur Gruppe der reinen E-Autos oder der extern aufladbaren Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge zählen. Deutlich besser sieht es aber schon bei den Neuzulassungen aus, hier werden für 2020 bereits 4,2 Prozent reine Stromer sowie 5,3 Prozent Plug-in-Hybride gezählt. Und der Trend ist eindeutig: Während der Gesamtmarkt im Vorjahr schrumpfte, verdoppelte sich die Zahl der E-Auto-Neuzulassungen bundesweit.

Angebot schafft Nachfrage: Dieser ökonomische Leitspruch wird zurzeit eindrucksvoll von der Autoindustrie bestätigt, nachdem sie ihn lange nicht wahrhaben wollte. Waren es noch vor wenigen Jahren nur Pioniere wie Tesla, die auf reine E-Mobilität setzten, sind inzwischen auch von den großen Herstellern Aussagen zu hören, dass sie sich schon von 2030 an (Ford, Volvo) – also schon in neun Jahren! – oder spätestens von 2035 an (GM) davon verabschieden werden, Autos mit Benzin- oder Dieselmotor anzubieten.

E-Mobil bei Kosten oft auf Augenhöhe mit Verbrennern

Und selbst wenn man bei Volkswagen die Aussage scheut, wann der letzte Verbrenner vom Band läuft: Die Konzernmarken von Audi bis Skoda geben gerade mächtig Gas in Sachen E-Mobilität. Übrigens bedeutet das Bewegen eines Elektroautos nicht, dass man auf Komfort oder gar Fahrspaß verzichten muss. Im Gegenteil: Schon eine kleine Runde mit einem der im Hamburger Stadtgebiet an vielen Stellen verfügbaren elektrischen Carsharing-Autos macht Lust auf mehr.

Und wie ist das mit den Kosten? Da fährt das E-Mobil laut ADAC inzwischen oft auf Augenhöhe mit Verbrennern – oder liegt vorn. Das allerdings nur, weil es gerade interessante Steuererleichterungen für Dienstwagennutzer und hohe Prämien für Neuanschaffungen gibt.

Ladeinfrastruktur zügig ausbauen

Für den weiteren Erfolg kommt es nun darauf an, die Ladeinfrastruktur – auch im Privatbereich – zügig auszubauen. Hier geht Hamburg mit einem Förderprogramm richtigerweise voran. Spannend wird dabei die Frage sein, ab wann elektrische Brot- und Butter-Autos mit Ladeströmen jenseits der 150 kW versorgt werden können, damit „einmal volltanken“ tatsächlich nur noch zehn bis 15 Minuten dauert.

Bis dahin sind es vor allem die Stadtrand-Pendler mit eigener Ladebox und die Firmen, die ihre Fuhrparks umstellen können – und werden. Klar scheint: Hamburg in zehn Jahren dürfte sich auf den Straßen anders anhören als heute. Und die Luft auf den Bürgersteigen wird dann auch besser sein.

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