Meinung
Leitartikel

Derby-Analyse: Der HSV hat ein neues Trauma

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Laux
Der Autor ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Der Autor ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Der ungeliebte Stadtrivale FC St. Pauli könnte dem HSV erneut den Aufstieg vermasseln – mit Konsequenzen für Jansen?

Hamburg. HSV-Anhänger erinnern sich mit Grauen: 2009 traf ihr Verein innerhalb von 19 Tagen in drei Wettbewerben viermal auf Werder Bremen und vergeigte alles – DFB-Pokal, Europa League und in der Meisterschaft die Qualifikation zur Champions League. Ein Trauma, das bis heute tief in der HSV-Seele verankert ist.

Seit dem 1. März darf man konstatieren, dass sich zum Werder- ein weiteres Trauma hinzugesellt hat: genau, das St.-Pauli-Trauma. Die Bilanz der sechs Derbys liest sich aus Sicht der Braun-Weißen fantastisch: Drei Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage gegen den ungeliebten Stadtrivalen mit den viel größeren finanziellen Möglichkeiten. Genau diese Derbypunkte fehlten dem HSV in den vorherigen beiden Zweitligaspielzeiten für den Wiederaufstieg. In dieser Saison könnte sich das HSV-Trauerspiel wiederholen.

Logisch, dass die Emotionen nach dem erneuten Ergebnis-Desaster für den HSV auf beiden Seiten hochschlagen. Erleichterung bei St. Pauli, dass der Abstand auf die Abstiegsplätze nach einer im Winter noch für unmöglich gehaltenen Siegesserie nun schon zehn Punkte beträgt. Und natürlich Schadenfreude nach dem Triumph des ewigen Underdogs gegen den großen HSV. Umgekehrt macht sich bei den Rothosen der übliche Fatalismus breit: Das Unvermeidliche nimmt seinen Lauf, sie werden es schon wieder in der Rückrunde verbocken.

HSV muss sich auf seine Stärken besinnen

Vermutlich sind es nun aber die gleichen Fußball-Gurus, die den sportlichen Absturz des HSV prophezeien, die vor genau einem Monat, als der Club nach dem Sieg über Paderborn auf Platz eins thronte, jede Wette abgeschlossen hätten, dass es der HSV in dieser Saison nun endlich schaffen würde, in die Bundesliga zurückzukehren. Solche Vorhersagen gehören zum Fußball dazu, haben aber nun mal ein schnelles Verfallsdatum.

Wenn wir einmal versuchen, das Derby sportlich objektiv einzuordnen, dann zeigten beide Mannschaften ein äußerst attraktives, verbissen geführtes Fußballspiel, in dem auch der HSV – anders als in der Vorwoche in Würzburg (2:3) – mit der richtigen Einstellung zu Werke ging. St. Pauli hat zwar am Ende den Sieg verdient mitgenommen, ein Unentschieden wäre aber genauso gerecht gewesen. Das heißt nicht, dass der HSV die zwei extrem wichtigen Spiele gegen die direkten Aufstiegskonkurrenten aus Kiel und Bochum automatisch gewinnt – aber auch nicht, dass er sie verliert.

Nicht die Nerven zu verlieren und sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, das ist jetzt die wichtigste Aufgabe für die Handlungsträger im HSV-Kosmos. Wie man erfolgreich erhebliche Widerstände überwindet, hat in dieser Saison der FC St. Pauli vorbildhaft gezeigt. Die Geduld, am im Profifußball noch unerfahrenen Timo Schultz festzuhalten, obwohl nach 15 Spielen nur ein Sieg auf der Habenseite stand, zahlt sich nun aus.

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Sein Kollege Daniel Thioune und der Vorstand stehen allerdings noch deutlich stärker unter Druck. Im schlimmsten Fall könnte der HSV schon in zwei Wochen beinahe alles verspielt haben und sich die Negativspirale anfangen zu drehen inklusive einer Trainerdiskussion. Wir erinnern uns: Die katastrophalen Rückrundenbilanzen der beiden vergangenen Serien haben weder Dieter Hecking noch Hannes Wolf überlebt.

Ein Verpassen des sportlichen Ziels hätte ganz sicher auch Auswirkungen auf die wichtigen Präsidiumswahlen im Sommer nach dem kollektiven Rücktritt des in sich zerstrittenen Gremiums um Marcell Jansen. Misserfolg ist für eine Opposition immer eine hervorragende Basis, um die Macht zu übernehmen, man denke nur an den gelungenen Wahlkampf von Bernd Hoffmann, der im Februar 2018 e.V.-Präsident Jens Meier aus dem Amt kegelte.

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