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Politik auf der Couch

Corona-Krise: Willkommen in Dümpeldeutschland

| Lesedauer: 4 Minuten
Hajo Schumacher
Hajo Schumacher
über den Tunnel am
Ende des Lichts.

Hajo Schumacher über den Tunnel am Ende des Lichts.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Ausgerechnet in der Pandemie tut sich ein Machtvakuum auf. Die Kanzlerin ist müde, ihre Vertrauten auch. Warten auf den Herbst.

Deutschland erlebt historische Monate, nicht nur wegen der Pandemie. Erstmals lässt jemand, der die Richtlinien der Politik bestimmt, freiwillig von der Macht ab; alle Vorgänger waren nur mit Druck oder Wahlschlappen aus dem Kanzleramt zu bewegen.

Angela Merkels Abschied aus freien Stücken hat Respekt verdient. Aber dem Land ist damit nicht gedient. Denn Macht und Motivation bröseln, je näher der Ruhestand rückt. „Lahme Ente“ heißt der US-Präsident am Ende seiner zweiten Amtszeit. Das Team bleibt höflich, aber plant längst für den Tag danach. Keine Ansagen mehr, weder große Pläne noch Konflikte. Willkommen in Dümpeldeutschland.

Machtverlust ist ein schmerzhafter Prozess

In ruhigen Zeiten lässt sich diese Phase der Machtlosigkeit zwischen zwei Regierungen ertragen. In einer Pandemie dagegen ist Dümpeln fast immer falsch, ob im Ringen mit Ministerpräsidenten oder der EU, bei Impfstoff, App und Masken. Als spüre sie den Machtverlust, gibt Angela Merkel auffallend viele TV-Interviews, sucht verzweifelt nach Deutungshoheit („Im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen“) und muss sich im Bundestag von Fraktionschef Ralph Brinkhaus unterstützen lassen. Stufenpläne aus den Ländern? Nicht jetzt. Schnelltests? Mal langsam.

Macht in der Demokratie ist ein psychologisch brutales Geschäft und Machtverlust ein schmerzhafter Prozess – der Tunnel am Ende des Lichts. Macht wird verliehen von Wählern, Partei und Parlamentariern. Die Gebühr heißt Hoffnung. Wer Hoffnung weckt auf Wahlerfolge und damit auf Posten, Status, Geld, bekommt die Macht.

Sichtbare Machterosion

Aber nur solange Hoffnung keimt. Sonst schwindet die Macht, mal rasend schnell wie bei Willy Brandt, mal quälend langsam wie bei Helmut Kohl – und jetzt bei Angela Merkel. Die Aura großer Macht lässt selbst Gegner stramm- stehen, der Pesthauch schwindender Macht zieht Raubtiere an und hinterlässt Gefährten ohne Schutz, wie Wirtschaftsminister Altmaier derzeit erfährt. Unverhohlen sondieren Regierungsmitarbeitende, wo sie unterkommen könnten, während die Jüngeren Posten für den Tag danach verteilen.

In der ersten Covid-Welle herrschte die Kanzlerin kraft ihrer Aura als Krisenkönnerin. Doch die Machterosion war längst sichtbar. Kanzlermacht ruht in Deutschland auf drei Säulen: Kanzleramt und Partei führte die Chefin in machtvollen Tagen selbst, die Fraktion ein Vertrauter.

Müdigkeit nach 16 Jahren Hochleistungspolitik

Doch Merkels Machtgehilfe Volker Kauder wurde 2018 durch den eigenständigen Brinkhaus abgelöst. Machtsäule eins futsch. Dann der CDU-Vorsitz. Nachfolgepläne funktionieren in Monarchien, aber selten in der Demokratie. So ging 2020 der AKK-Plan schief. Machtsäule zwei futsch. Der neue CDU-Chef Laschet wird öffentlich kein böses Wort über die Kanzlerin verlieren, aber spürbar auf Distanz gehen.

Müdigkeit nach 16 Jahren Hochleistungspolitik ist keine Schande, aber das Gegenteil von Führungskraft. Wir erinnern uns: Deutschland hatte die EU-Ratspräsidentschaft inne, als zentrale Corona-Entscheidungen anstanden. Wie immer guckten alle auf Deutschland. Eine kraftstrotzende Merkel hätte sich an Europas Spitze gesetzt, den bockbeinigen Macron untergeklemmt und Impfstoff besorgt.

Schuldzuweisungen wären einfach, aber billig

In Finanz- und Flüchtlingskrise übernahm sie ja auch die Führung, notfalls mit Geld. Diesmal wurde nur müde delegiert. Man kann Trump, Johnson, Netanjahu ihre breitbeinige Art vorwerfen, aber: Trump mobilisierte 18 Milliarden Dollar, Johnson setzte eine Spezialeinheit an, Netanjahu sagte Pharma-Bossen kostbare Impfdaten zu. Macht heißt auch, im richtigen Moment auf Angriff umzuschalten.

Schuldzuweisungen wären einfach, aber billig. Die Gleichzeitigkeit von Pandemie und Kanzlerinnendämmerung ist schlichtweg Pech. Ohne Virus wäre Angela Merkel obamamäßig zu einer umjubelten Abschiedstournee gestartet. Im Kampf gegen ein Virus aber bedeutete das frühe Verkünden des Abschieds einen Fehler, weil zunehmend Machtlosigkeit herrscht. Und jetzt? Bis zum Herbst weiterdümpeln.

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