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Kommentar

Nicht nur das Virus ist gefährlich: Die Demokratie mutiert

| Lesedauer: 4 Minuten
Heribert Prantl
Die Kanzlerin und die Regierungschefs haben entschieden: Der Lockdown wird verlängert. Ein Aufatmen ist nicht in Sicht (Archivbild).

Die Kanzlerin und die Regierungschefs haben entschieden: Der Lockdown wird verlängert. Ein Aufatmen ist nicht in Sicht (Archivbild).

Foto: dpa

Corona hat den Freiheitsgedanken verändert. Früher mussten Beschränkungen gerechtfertigt werden, heute ist es die Freiheit selbst.

Hamburg. Es wird noch einmal verlängert. Es wird auch ein wenig gelockert. Aber ein echter Ausweg aus der Krise ist nicht sichtbar. Modellrechnungen der Viro­logen und der Epidemiologen zeigen immer neue Gefahren. Diese Gefahren sind real, aber die Modellrechnungen, von denen die Kanzlerin so beeindruckt ist, bilden das Leben nicht ab. Das Leben findet nicht in Modellrechnungen statt, es findet im Leben statt.

Und zu den unglaublich wichtigen Lebensorten gehören, zum Beispiel, die Kitas, die Kindergärten und die Grundschulen. Dort ist der gemeinsame Raum, in dem die Kinder miteinander und voneinander lernen. Dieser gemeinsame Raum ist der wichtigste aller Pädagogen. Aber die Kanzlerin ist keine Pädagogin, und sie glaubt den Virologen mehr als den Pädagogen; sie hätte am liebsten die Schulen, die Kindergärten und Kitas noch
ein paar Wochen geschlossen gehalten.

Frustrationstoleranz der Menschen wird auf die Probe gestellt

Auch wenn sie nun in den meisten Bundesländern bereits in einer Woche wieder geöffnet werden, der weitere Lockdown fast des gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens stellt die Frustrationstoleranz der Menschen auf eine harte Probe. Gewiss: Es gibt berechtigte Sorge wegen der Mutationen des Virus. Aber es gibt auch die berechtigte Sorge, dass die Demokratie der Freiheitsbeschränkungen wegen auf bedenkliche Weise mutiert.

Bis Corona war es so, dass nicht die Freiheit sich rechtfertigen musste, sondern ihre Beschränkung und Begrenzung. Heute ist es umgekehrt. Corona hat die Welt und das Grundgesetz auf den Kopf gestellt. Die Sehnsucht nach einem Aufatmen ist gewaltig groß. „I can’t breathe“ skandierten die Menschen, die nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd auf die Straßen strömten und protestierten. „Ich kann nicht atmen!“

Gesundheit ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit

Dieser Ausruf hat viele Menschen wohl auch deshalb so besonders berührt, weil er mehr sagte als das, was er in dem Moment sagte. George Floyd erstickte unter dem Knie eines Polizisten, aber in der Pandemie haben viele Menschen generell das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen unter der Glocke von Angst und Corona.

Die Gesellschaft braucht in und nach der Pandemie mehr als Gesundheit. Sie braucht Heilung.„Bleiben Sie gesund!“, rufen wir uns gern zu. Was ist eigentlich Gesundheit? Ist Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit? Oder die Immunität gegen sie? Gesund ist es, auch mit einer Krankheit leben zu können, eventuell sogar aus ihr Kraft zur Lebensveränderung zu gewinnen. Das meine ich nicht als wohlfeilen Ratgeberspruch.

Krankenheiten ins gesellschaftliche Leben integrieren

Das bedeutet nicht, dass man dem Virus, der Krebszelle oder dem Unfall einen esoterischen Sinn oder eine höhere Weihe verleiht. Aber es ist eine Illusion, Krankheit und Schmerzen und Viren völlig entkommen zu können, sie völlig verschwinden lassen zu können. Es geht auch darum, sie ins Leben zu integrieren, ins persönliche und in das gesellschaftliche. Zu ihrer Bewältigung ist mehr notwendig, als sie mit Medikamenten und Impfungen zu bekämpfen.

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Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben: „Den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens.“ Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht. Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.

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