Meinung
Leitartikel

Kinder sind die verkannte Risikogruppe der Corona-Krise

| Lesedauer: 3 Minuten
Alessandro Peduto
Alessandro Peduto, Politik-Korrespondent

Alessandro Peduto, Politik-Korrespondent

Foto: FMG

Die Pandemie trifft die Jüngsten besonders hart, doch ihre Not ist in der öffentlichen Diskussion oft nur ein Randthema.

Wenigstens der Schnee in weiten Teilen Deutschlands bietet ein wenig Abwechslung. Es dürfte derzeit die einzige sein für die allermeisten Kinder und Jugendlichen in der Pandemie. Ansonsten besteht ihr Alltag seit vielen Wochen aus der Eintönigkeit der eigenen vier Wände, aus Lernen ohne Lehrer, aus Pausen ohne Freunde und aus gestressten Eltern mit rapide sinkender Geduld.

Selbst Ferien, die normalerweise ein lange herbeigesehnter Höhepunkt im Schulalltag sind, werden unter den jetzigen Bedingungen zu Zeiten der bedrückenden Leere und der verzweifelten Langeweile.

Je länger die Corona-Krise andauert, desto mehr zeigt sich: Das zurückgezogene Leben, zu dem der Lockdown die Gesellschaft verpflichtet, ist für die Jüngsten besonders hart. Denn sie sind in einem Alter, in dem Bewegung und der Kontakt zu Gleichaltrigen ein Teil ihrer natürlichen Entwicklung sind. Sie lernen, als soziale Wesen zu funktionieren.

Besondere seelische Belastung

Einsamkeit im Kinderzimmer und der Unterricht auf Distanz sind daher für die Jungen eine besondere seelische Belastung. Viele etwas Ältere ziehen sich zurück und suchen Zerstreuung oder Trost am Handy oder im entgrenzten Serienkonsum. Viele Jüngere werden antriebslos oder aggressiv.

Hinzu kommt, dass viele Schüler im Homeschooling den Anschluss im Unterricht verlieren. Zum Gefühl, allein zu sein, kommt jenes, beim Lernen überfordert zu sein. Wenn dazu beide Eltern arbeiten oder nicht ausreichend Deutsch sprechen, um bei Schule und Hausaufgaben zu helfen, bleiben diese Kinder und Jugendliche hilflos sich selbst überlassen.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beobachtet bei Schülern bereits „depressive Verstimmungen und Vereinsamung“, Kinder und Jugendliche trügen „die größte Last dieser Pandemie“. Doch welche Schlussfolgerungen zieht die Politik daraus?

Großer Trugschluss

Gewiss, medizinisch gesehen kann das Virus den Jungen weit weniger anhaben als Älteren. Selbst wenn Kinder und Jugendliche mit Corona infiziert sind, merken sie in der Regel nichts davon. Eine schwere Erkrankung in diesem Alter bleibt die seltene Ausnahme. Was für ein Glück, muss man sagen.

Dennoch ist es ein großer Trugschluss zu glauben, dass Corona den Jungen nichts anhaben kann, nur weil sie gesundheitlich gut durch diese Zeit kommen. Im Gegenteil, die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie machen auch Kinder und Jugendliche zu einer Risikogruppe – und zwar zu einer gesellschaftlichen.

Ein Jahr Corona-Krise wiegt so viel schwerer im Leben eines Kindes als bei einem Erwachsenen. Dennoch war die Notlage der Jüngsten in den Debatten lange Zeit eher ein Randthema. Die massiven Folgen des Lockdown für den Alltag der Kinder und Jugendlichen wurde als bedauerlicher, aber unvermeidbarer Kollateralschaden der Corona-Bekämpfung angesehen.

Deutschland droht eine dauerhaft traumatisierte Corona-Generation

Das soll sich nun ändern. Beim Bund-Länder-Treffen an diesem Mittwoch soll auch die Situation der Kinder im Mittelpunkt stehen. Nach fast zwei Monaten im nunmehr zweiten Lockdown und einem Jahr Pandemie ist es wahrlich allerhöchste Zeit.

Entweder der Politik gelingt es, Voraussetzungen für einen pandemietauglichen Präsenzunterricht zu schaffen – etwa durch Wechselunterricht, Hygienepläne, eine massive Ausweitung von Schnelltests oder durch rasche Impfung von Lehrkräften und Kitapersonal.

Oder sie sorgt angesichts hochansteckender Corona-Mutationen für ein digitales Homeschooling, das diesen Namen verdient und eine intensive Betreuung ermöglicht. Falls nicht, droht Deutschland eine dauerhaft traumatisierte Corona-Generation, mit Langzeitschäden, die wir heute noch nicht einmal im Ansatz absehen können.

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