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Politik auf der Couch

Corona-Krise: Der Flockdown hilft dem Lockdown

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Hajo Schumacher
Kolumnist Hajo
Schumacher über
Politiker, die gerne auch
mal im Regen stehen.

Kolumnist Hajo Schumacher über Politiker, die gerne auch mal im Regen stehen.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Hochs und Tiefs entwickeln gewaltige politische Macht. Wie Wetter-Zufälle sogar Wahlen entscheiden können.

Dürfte die Bundesregierung eine Wetterlage bestellen, dann hätte sie wohl exakt diesen Polarwirbel geordert, der von seiner gewohnten Route deutlich abgewichen ist und weiten Teilen Deutschlands ruppige Kälte und viel Schnee beschert. Die Autos sind kaum wiederzufinden, es ist glatt und kalt, die Menschen klammern sich an ihre Heizkörper.

So schafft ein Wetterphänomen, was den Regierenden zuletzt anschwellende Mühe bereitete: Menschen bleiben daheim, reduzieren Kontakte, das Infektionsrisiko sinkt. Würde, wie im Februar 2019, ein „Betonhoch“ dem Land einen ungewöhnlich milden Vorfrühling bescheren, verliefe die politische Lockerungsdebatte sehr viel ungemütlicher. Flockdown hilft Lockdown.

Die eher zufälligen Hochs und Tiefs des Wetters können eine größere politische Macht entwickeln als Parolen und Programme. Das weiß man im Kreml schon lange. Für ein paar sonnige Momente zur Militärparade lässt die russische Regierung seit jeher Jets der Luftwaffe aufsteigen, die dunkle Wolken mit Silberiodid besprühen. So geht der Regen vor den Toren Moskaus nieder anstatt auf dem Roten Platz. Im Sonnenschein glänzende Kanonenrohre machen nun mal mehr her als eine vernieselte Waffenschau.

Entscheidet das Wetter Wahlen?

Entscheidet das Wetter sogar Wahlen? Profitiert die CDU von regnerischen Wahltagen, die SPD dagegen von strahlendem Himmel? Eine niederländische Studie ergab, dass ein nasser Wahltag den Christdemokraten einen zusätzlichen Parlamentssitz bescheren könne.

Forscher vom Deutschen Institut der Wirtschaft (DIW) verglichen 2016 Wahlergebnisse und Wetterdaten über 35 Jahre in Nordrhein-Westfalen. Resultat: An sonnigen Sonntagen stieg die Wahlbeteiligung etwa um einen Prozentpunkt, wovon drei Viertel der Stimmen der SPD zugutekamen. Die Wissenschaftler vermuten, dass religiöse Menschen, die sich sonntags bei jedem Wetter zur Kirche kämpfen, auch als Wahlbürger pflichtbewusster sind. SPD-Anhänger scheinen eher Schönwetterwähler zu sein.

So hilft Regen der „asymmetrischen Demobilisierung“, eine Strategie, die Merkels früherer Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ausklügelte: Wähler der Gegenseite sollen durch möglichst wenig Kontroversen eingeschläfert werden; mieses Wetter verstärkt die Unlust offenbar noch. Kanzler Kohl wiederum wähnte einen Wahlsonntag im goldenen September als psychologisch ideal. Urlaubsgebräunt und erntedankbar entscheide sich das Wahlvolk eher für ein Weiter-so.

Helmut Schmidt und die Sturmflut 1962

Von der Macht des Wetters profitierte auch Helmut Schmidt. Als Hamburger Innensenator demonstrierte er bei der Sturmflut 1962 eine Tatkraft, die ihn zunächst in die Bundespolitik und dann weiter ins Kanzleramt spülte. Hochwasser sicherte einem seiner Nachfolger sogar die Wiederwahl.

Als im August 2002 die Flüsse infolge von sommer­lichem Starkregen über die Ufer traten, stapfte Gerhard Schröder stracks in geliehenen Gummistiefeln durch die Krisengebiete, zeitgleich schwärmte das halbe rot-grüne Kabinett zu Betroffenheitsbesuchen aus. Herausforderer Stoiber dagegen zauderte. Und nichts ist peinlicher, als bei Katastrophen hinterherzudackeln. Gut möglich, dass hier die gut 6000 Zweitstimmen wegschwammen, die dem Bayern wenige Wochen später zum Wahlsieg fehlten.

Im Sommer 2019 wurde die TV-Wetterkarte zum Politikum

Im Sommer 2019 wurde sogar die TV-Wetterkarte zum Politikum. AfD-Vertreter wollten mit einer manipulierten Grafik nachweisen, dass zu viel dunkles Rot, das für Hitze steht, den Klimawandel dramatisiere. Der Deutsche Wetterdienst entkräftete den Vorwurf. Gleichwohl hoffen die Grünen auf einen trockenen Sommer 2021, der das Klimathema bis zur Bundestagswahl Ende September oben auf der Tagesordnung hält.

Aktuelle Wünsche der Politik ans Wetter? Aber ja: Der Polarwirbel möge bis Ostern bleiben. Denn der Flockdown schafft, was der Politik bis dahin womöglich entglitten wäre.

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