Meinung
Die wilden Zwanziger

Schnee, Sonne, Wochenende: Die neue Leichtigkeit des Seins

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Wir Hamburger lassen es krachen, bis die Parks gesperrt werden. Und dennoch hat das gutgetan.

Hamburg. Am Wochenende bin ich wieder zum Kind geworden. Als ich am Sonnabendmorgen aus dem Fenster schaute und die verschneite Winterlandschaft sah, überkam mich eine kribbelige Vorfreude. „Es schneit, es schneit – kommt alle aus dem Haus!“, tönte ich und stürmte aus der Wohnung. Gefühlt halb Hamburg versammelte sich in den Parks.

Aus allen Himmelsrichtungen hörte man Kinder lachen und kreischen, während sie die Hügel herunterrodelten. Ich war überrascht, dass so viele Hamburger überhaupt einen Schlitten besitzen. Manche Kinder hatten vermutlich noch nie echten Schnee gesehen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann die Flocken zuletzt liegen geblieben sind und sich nicht sofort in Matsch verwandelt haben.

Nicht nur Kinder freuten sich über das Winterwunderland vor der eigenen Haustür. Erwachsene Menschen klauten ihren Sprösslingen die Schlitten, bauten Schneemänner, seiften sich gegenseitig ein und warfen sich in die weiße Eiskristalldecke, um mit Armen und Beinen Schneeengel zu formen. Einige Leute hatten sogar ihre Langlaufskier aus dem Keller geholt und drehten Runden um die Alster.

Gedanken an Corona für kurze Zeit verdrängt

Ja, wenn bei uns schon mal Schnee fällt, dann lassen wir Hamburger es richtig krachen. In der Stadt war nach langer Zeit wieder Lebensfreude zu spüren. Beim Spaziergehen lächelten sich die Menschen zu. Ich fühlte mich wie in einem Kurzurlaub.

Was Schnee und Sonne so alles in einem auslösen können. Sogar die Gedanken an Corona hat man für kurze Zeit verdrängt – bis die Polizei die Parks geräumt, abgesperrt und die Rodler nach Hause geschickt hat. Natürlich absolut zu Recht. Jeder weiß, dass er gerade keine Geburtstagspartys feiern und auch nicht mit 100 anderen Menschen einen Berg herunterrodeln sollte. Aber irgendwie war genau diese Unbeschwertheit dringend notwendig, um weiter durchzuhalten.

Schnee fasziniert Erwachsene genauso wie Kinder. Warum bin ich mit 28 Jahren ähnlich aufgeregt, wenn die Straßen verschneit sind, wie ich es mit acht Jahren war? Warum liefern sich Erwachsene, die bei der Arbeit mit Anzug oder Bleistiftrock und Bluse herumlaufen, Schneeballschlachten?

Gefühl von Leichtigkeit

Ich verbinde Schnee mit meiner Kindheit, mit einem Gefühl von Leichtigkeit. Früher habe ich stundenlang im Garten gespielt, wenn es geschneit hat. Damals kam das auch noch öfter vor. Die verschneite Landschaft strahlt auf mich etwas Friedliches aus. Ich mag Schnee, weil ich ihn mit vielen schönen Erlebnissen verbinde. Zu weißen Weihnachten vor 15 Jahren haben wir unseren Familienhund Emmi bekommen. Selbst als alte Hundedame hat sie sich am Wochenende noch fröhlich im Schnee gewälzt.

Bei Schnee denke ich auch an Skiurlaub. Ich liebe das Gefühl von Freiheit, wenn ich auf einem Berggipfel stehe und den Abhang herunterfahre. Am Wochenende haben meine Mutter und ich versucht, uns dieses Gefühl nach Hause zu holen. Auf der Terrasse im Garten tranken wir einen Bombardino – heißer Eierlikör mit Rum und Sahne, ein traditionelles Getränk auf Südtiroler Skihütten.

Meine Mutter stellte sich dabei auf einen Schneeberg, kratzte mit den Füßen über das Eis und imitierte die Geräusche, die Skifahrer machen, wenn sie über die Piste wedeln. Ich schloss meine Augen und träumte mich in den Urlaub.

Erinnerungen an das Kindsein

Danach stiegen wir in den imaginären Sessellift ein. „Klack, klack“, sagten wir und versuchten den Klang nachzumachen, der entsteht, wenn der am Seil hängende Sessel über die Rollen am Mast weitergeleitet wird. Ob wir albern waren? Und wie! Das machte uns aber nichts aus. Wir tankten beim Lachen Energie auf.

Schnee weckt Glücksgefühle und Erinnerungen an das Kindsein, als einem alles noch so viel leichter erschien. Allerdings: Im Unterschied zu Kindern haben Erwachsene schnell genug vom Winter. Wenn der Verkehr zum Erliegen kommt, schwindet die Freude, und die meisten sind genervt. Zumal in Norddeutschland schon bei einer zehn Zentimeter dünnen Eisdecke Chaos ausbricht. Die Alsterrunde hat sich in eine Rutschbahn verwandelt, viele Menschen stürzen und verletzen sich. Das sind die Schattenseiten.

Meine Faszination für Schnee aber bleibt. Am Wochenende soll es wieder schneien, sagt der Wetterbericht. Bis dahin brauche ich nur noch einen Schlitten.

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