Meinung
Die wilden Zwanziger

Bei Corona hört die Freundschaft auf

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf

Das Virus stellt Beziehungen auf eine harte Probe: Soll ich einen Streit riskieren, weil meine Freundin zu sorglos ist?

Hamburg. Meine Freundin ist stinksauer, dass sie ihren Skiurlaub nun endgültig absagen musste, weil die Wintersportgebiete nicht rechtzeitig öffnen werden. Aus Frust hat sie sich einen Flug ins Risikogebiet auf die Kanarischen Inseln gebucht. „Das nervt doch alles“, schimpfte sie am Telefon. Dann berichtete sie mir von ihrem Jahreswechsel. „Ich habe Silvester noch nie so ruhig verbracht wie diesmal.“

Nur mit neun weiteren Personen hat sie bei einem Kumpel in der Wohnung gefeiert. „Wann treffen wir uns denn mal wieder? Wir haben uns schon voll lange nicht mehr gesehen!“, sagte sie. Diese Woche hätte sie allerdings keine Zeit, da sei sie schon zu verplant. Als ich nicht sofort antwortete, fiel ihr ein: „Ach ja, du bist ja nicht so entspannt mit Corona.“

Die Sorge, andere Menschen anzustecken

Während die größte Sorge meiner Freundin zu sein scheint, beim Spieleabend nicht von den Nachbarn verpetzt zu werden, habe ich Angst, andere Menschen unbewusst anzustecken. Für mich ist diese Vorstellung ein Albtraum. In den vergangenen Wochen bin ich im Altenheim ein- und ausgegangen. An diesem Ort leben die Menschen, die am verwundbarsten sind. Das Virus dort einzuschleppen, nur, weil ich nicht auf Treffen mit Freunden verzichten wollte, hätte ich mir nur schwer verzeihen können. Aus meiner Sicht trage ich für die wenigen Menschen, die ich noch sehe, wie etwa meine Eltern, eine große Verantwortung. Ich merke, wie der unterschiedliche Umgang mit den Corona-Maßnahmen zu Spannungen führt. Plötzlich stelle ich fest, wie weit ich mich von meiner Freundin entfernt habe.

Ich fühle mich zu Freunden, die mit der Pandemie ähnlich umgehen, mehr hingezogen. Der Großteil von ihnen verbringt seine Tage ebenfalls mit Arbeiten, Essen, Netflix und Schlafen. Die Langeweile eint uns. Hin und wieder erzählt mir aber jemand von seinem Vorhaben, sich in größerer Runde zu verabreden. Dann klingeln meine Alarmglocken.

Corona funktioniert wie ein Brennglas

Die Corona-Spießerin in mir meldet sich zu Wort und fragt sich: Ist es nun meine Aufgabe, dem anderen ins Gewissen zu reden? Riskiere ich einen Streit? Oder halte ich lieber meinen Mund, auch wenn ich das Verhalten nicht richtig finde? Ich möchte keine Moralpredigerin sein. Aber zu einer guten Freundschaft gehört doch Ehrlichkeit – oder?

Corona funktioniert wie ein Brennglas. Freundschaften, die sich ohnehin auseinandergelebt haben, zerbrechen. „Leben und leben lassen“ – im Normalfall mein Grundsatz. Jeder sollte sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten dürfen. Doch in der Krise hat das Handeln jedes Einzelnen Auswirkungen auf die Gesamtsituation. Für mich fühlt es sich so an, als würde meine Freundin mich mit ihrer Unbekümmertheit für eine noch längere Zeit an meine Wohnung fesseln.

Nahezu jedes Gespräch landet beim Thema Corona. Jeder vertritt eine andere Meinung. Immer mehr posaunen sie in die Welt hinaus. In den sozialen Netzwerken laufen die Kommentarspalten voll. Fremde beschimpfen sich, lassen Frust und Aggressionen aneinander aus. Verschwörungstheoretiker kämpfen gegen Regelfanatiker. Corona spaltet. Das Virus hat die Macht, Freundschaften zu zerstören und Familien zu entzweien.

Angst, zu vereinsamen?

Wie schwer es ist, auf einen Nenner zu kommen, merke ich auch an den Reaktionen auf die Kolumnen. Schreibe ich darüber, was für eine harte Zeit junge Menschen durchmachen, fühlen sich Ältere angegriffen und vergessen. Sage ich, Bahnfahrer sollen sich an die Maskenpflicht halten, erinnern mich Leser an die Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Masken tragen können. Es ist kaum möglich, alle Einzelschicksale zu berücksichtigen. Wer versucht, es jedem recht zu machen, scheitert kläglich. In einem Interview mit der „Apotheken Umschau“ empfiehlt eine Konfliktexpertin, in Ruhe mit Freunden über seine Bedürfnisse zu sprechen.

Vielleicht steckt bei meiner Freundin, die Corona nicht ganz so ernst nimmt, keine Ignoranz, sondern Angst dahinter. Angst zu vereinsamen. Umgekehrt würde sie vermutlich besser verstehen, warum ich mich vor einer Infektion fürchte. Wenn wir einander zuhören, miteinander reden, sind wir vielleicht immer noch nicht einer Meinung. Aber eine Freundschaft lässt sich retten.

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