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Weihnachten ohne Fest: Was Corona mit den Feiertagen macht

| Lesedauer: 3 Minuten
Heribert Prantl
Der Autor ist Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“.

Der Autor ist Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“.

Foto: Jürgen Joost

Weihnachten ist ein Fest, das an die Friedlichkeit der Welt in unfriedlicher Zeit erinnert. So verändert die Pandemie die Feiertage.

Wer Corona leugnet, ist ein Narr. Wer die Schwierigkeiten und die Fehler bei der Corona-Bekämpfung leugnet, ist auch ein Narr. Der harte Lockdown, der auch über Weihnachten in Kraft ist, war und ist nicht mehr vermeidbar. Aber: Er ist undifferenziert, er ist so fair wie ein Schlag ins Gesicht. Er ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich wochen- und monatelang um gute Hygienekonzepte bemüht und sie auch umgesetzt haben. Der Shutdown ist objektiv unverhältnismäßig, er hat unabsehbare wirtschaft­liche Folgen. Aber es blieb auf die Schnelle nichts anderes übrig.

Corona ist ein Virus, das vor nichts und vor niemand haltmacht, auch nicht vor Weihnachten und den Ritualen, die zu diesem Fest gehören. Man fragt sich manchmal, ob die Angst vor dem Virus womöglich noch gefährlicher und noch ansteckender ist als das Virus selbst. Zu den Angstmachern gehört die x-fache Vergrößerung des Virus-Modells, eine Kugel mit roten Saugnäpfen, die den Meldungen über Corona als optische Darstellung sehr oft beigegeben wird. Weihnachten 2020 ist es so, als hingen diese angstmachenden Darstellungen diesmal als Kugeln am Baum.

Es wird ein Weihnachten ohne Weihnachten sein

Es wird ein Weihnachten ohne Weihnachten sein, jedenfalls ohne viele der Rituale. Selbst das gemeinsame Singen ist suspekt geworden. Die Angst ist so groß, dass Heiligabend nicht einmal auf Abstand und mit Mundschutz gesungen werden soll. Dabei braucht das Land den Frieden, den dieses Fest in sich trägt. Corona hat ein Reizklima geschaffen. Weihnachten ist ein Fest, das dagegenhält. Weihnachten hat, unabhängig von seinem religiösen Gehalt, eine starke gesellschaftsbindende Kraft.

Es ist die Kraft, Menschen über Meinungsverschiedenheiten hinweg zusammenzubringen. Es ist die Kraft der Tradition, die das Jahr am Ende befriedet. Es ist die Kraft des Rituals, das wirkt und dem Leben Struktur gibt, auch wenn es sich von seinem religiösen Inhalt gelöst hat. Deshalb wird Weihnachten in einer coronazerwühlten Welt dringend gebraucht.

Weihnachten ist ein Fest, das an die Friedlichkeit der Welt in unfriedlicher Zeit erinnert. Es ist ein Fest, das eigentlich daran festhält, dass die Begegnung die Menschen starkmacht und nicht schwach. Diese Erfahrung soll der Staat auch im Corona-Jahr nicht mit womöglich polizeikontrollierten Geboten und Verboten kaputtmachen. Die Politik kann sehr berechtigte Appelle senden in eine ohnehin sensibilisierte Bevölkerung; das Geschenk der einzelnen Bürgerinnen und Bürger an die Gesellschaft in Corona-Zeiten ist die Einhaltung der verordneten Kontaktregeln. Dazu braucht es Eigenverantwortung.

Halten wir uns an den Heiligen Josef als Vorbild

Meine Lieblingsfigur an Weihnachten ist ein Mann, der in der Krippe steht, aber kein Wort sagt. Er ist die Anti-Figur zu denen, die sich täglich zu Wort melden, die in jeder Talkshow sitzen, die zu jeder Zeit zu jeder neuen Corona-Statistik Drastisches zu sagen haben. Die Rede ist vom heiligen Josef. Er ist zwar eine Hauptfigur in der bekanntesten Geschichte der Welt, der Weihnachtsgeschichte. Aber er redet nichts. In der ganzen Bibel ist kein einziges Wort aus seinem Mund überliefert.

Das gefällt mir in diesem Jahr besonders. Der Mann sollte den Corona-Politikern und den Virologen, vielleicht auch Journalisten ein Vorbild sein. Vielleicht ist ein bisschen mehr Zurückhaltung, eine weniger raumgreifende und exzessive Behandlung und Betrachtung von Corona auch ein Weihnachtsgeschenk. Halten wir uns an den Heiligen Josef als Vorbild.

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