Meinung
Leitartikel

Mehr als nur Teilzeit: Frauen, traut euch!

| Lesedauer: 4 Minuten
Elisabeth Jessen
Elisabeth Jessen ist stellvertretende Leiterin des Hamburg-Ressorts.

Elisabeth Jessen ist stellvertretende Leiterin des Hamburg-Ressorts.

Foto: HA / Andreas Laible

Auch in Hamburgs Behörden sind die meisten Chefs noch Männer. Das muss sich ändern. Homeoffice bietet Chancen.

Hamburg. Kann es ein Trost sein, dass alles mal deutlich schlimmer war? Nein! Denn wir schreiben 2020, und für Frauen läuft noch längst nicht alles gut auf dem Arbeitsmarkt. Man mag heute kaum noch glauben, dass Frauen bis 1977 die Erlaubnis ihres Ehemannes brauchten, um einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen – doch auch mehr als 40 Jahre später scheitern viele Frauen immer noch daran, dass Männer das große Sagen haben.

In Trippelschritten haben sich Frauen, die immerhin 50,6 Prozent der Bevölkerung ausmachen, vieles erkämpft. Mädchen verlassen die Schule seltener als Jungs ohne Abschluss und machen öfter Abitur. Aber schon an der Uni sind sie das erste Mal abgehängt: Nur 46,3 Prozent der Studierenden sind weiblich. Und kaum haben sie nach der Ausbildung im Berufsleben Fuß gefasst, stellt sich für viele Frauen die Frage der Familienplanung – noch immer die größte Hürde auf dem Karriereweg.

Bedrückende Daten

Der Hamburger Gleichstellungsmonitor weist dazu einige bedrückende Daten aus: Frauen sind immer noch häufiger als Männer geringfügig, befristet oder in Teilzeit beschäftigt. Sie übernehmen überwiegend die Verantwortung für Pflegearbeit, kümmern sich also um Kinder, Haushalt und oft auch noch um die eigenen Eltern und Schwiegereltern. Infolgedessen sind auch insbesondere sie es, die sich den Herausforderungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellen müssen und auf Aufstiegsmöglichkeiten verzichten, während die Männer Karriere machen und mehr Geld verdienen.

Damit wird die Situation fast unumkehrbar. In Hamburg arbeitet nur knapp die Hälfte der Frauen in Vollzeit, die Männer zu mehr als 80 Prozent. Chefs lieben aber nun mal Mitarbeiter, die ohne Einschränkungen zur Verfügung stehen. Auch die Einführung des Elterngeldes hat nicht viel geändert. Frauen bleiben meist ein Jahr zu Hause, Väter in der Regel zwei Monate, solange es eben Geld gibt – von den Arbeitgebern ist das so akzeptiert.

Leider zeigt auch der Blick in die Hamburger Verwaltung das altvertraute Bild: Zwar ist dort mehr als die Hälfte der Mitarbeiter weiblich, aber sie belegen nur ein Viertel der Führungspositionen. Je dünner oben die Luft wird, desto mehr Frauen bleiben außen vor. Um die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens in einer Großstadt widerzuspiegeln, sollten aber alle Gruppen in der Führungsebene ausreichend vorhanden sein, Männer, Frauen, Migranten und Menschen mit Handicaps – eben die ganze Bandbreite. Viele Studien belegen, dass Unternehmen erfolgreicher sind, wenn nicht nur Männer in der Führungsspitze sind. Das gilt sicher auch für Behörden. Die Stadt hat mehrere Initiativen für mehr Diversität gestartet, aber der Erfolg lässt zu wünschen übrig. Da ist noch mehr nötig.

Auch Männer können Wäsche waschen

Gerade in der Pandemie ist deutlich geworden, dass die permanente Präsenz im Unternehmen oder auch in der öffentlichen Verwaltung nicht entscheidend dafür ist, ob jemand einen guten Job macht. Darin besteht für Frauen eine große Chance. Sie müssen sich zutrauen, mehr als nur Teilzeit zu arbeiten. Wenn Frauen wie Männer nicht mehr jede Arbeitsstunde im Büro verbringen müssen, wird es für alle leichter, den Anforderungen einer Familie gerecht zu werden. Frauen sollten sich nicht scheuen, den Vätern mehr Aufgaben zu übertragen als bislang. Auch Männer können Wäsche waschen, kochen und erziehen.

Aber es fängt eigentlich noch viel früher an. Schulabgängerinnen müssen häufiger Studiengänge und Ausbildungen wählen, mit denen sie später ein höheres Einkommen erzielen können.

Frauen müssen sich trauen, aber man muss sie auch machen lassen. Und nicht ausbremsen, sobald sie ihren Kollegen im Job gefährlich werden können.

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