Meinung
Gastbeitrag

Wie sich Europa gegen Google & Co. wehren kann

| Lesedauer: 4 Minuten
Lüder Gerken
Prof. Dr. Lüder Gerken ist Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik in Freiburg, Br.

Prof. Dr. Lüder Gerken ist Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik in Freiburg, Br.

VW, Deutsche Bank und viele andere Unternehmen kooperieren mit Amerikas Internet-Giganten – und gehen ein hohes Risiko ein.

Hamburg. Google, Facebook und Amazon beherrschen die Onlineszene. Sie speichern die Daten der Nutzer, die auf ihren Seiten sind: Namen, Adressen, Surfverhalten, Vorlieben, Meinungen. Ihr Wissen verkaufen sie an andere Unternehmen, die es unter anderem einsetzen, um den Nutzern auf sie zugeschnittene Werbung zuzuschicken. Immer öfter auch verdrängen die Internet-Giganten andere Unternehmen, die deren Plattformen für Onlineverkäufe nutzen, vom Markt, indem sie selbst ganz ähnliche Konkurrenzprodukte anbieten.

Europäische Unternehmen haben die rasante Entwicklung verschlafen. Viel zu spät wurde erkannt, wie wichtig ein schrankenloser digitaler Binnenmarkt gerade auch für den Onlinehandel ist. Als Nächstes stehen jetzt die Daten von Unternehmen auf der Agenda.

Hier bahnen sich gigantische Nutzungsmöglichkeiten an: Daten über die Häufigkeit und Schwere von Versicherungsschäden ermöglichen passgenaue risikoadäquate Versicherungspolicen. Von Sensoren erfasste Unfalldaten in Autos liefern Erkenntnisse, wie die Hersteller die Verkehrssicherheit erhöhen können. Vor allem aber werden riesige Datenmengen für Produkte mit ganz neuen Eigenschaften benötigt: Es geht um künstliche Intelligenz, also Entscheidungen treffende und selbstlernende Computersysteme, und um das Internet der Dinge, also die Ausstattung von Produkten mit Software, die ihre Vernetzung über digitale Kommunikationstechnologien ermöglicht – im Auto etwa Software für die Vernetzung der Fahrzeuge, automatisiertes Fahren, Nutzung von Internetdiensten während der Fahrt und mehr.

Internet-Giganten haben einen Startvorteil

Der Wert dieser Kombi-Produkte wird maßgeblich von ihren Software-Ausstattungen abhängen, nicht von den sonstigen Eigenschaften wie bei Autos der Fahrzeugtechnik. Und: Für diese Software braucht man den Zugang zu Daten. Auch hier haben die Internet-Giganten wie Google, Microsoft und Amazon einen Startvorteil: Zum einen besitzen sie bei neuen digitalen Technologien ein Know-how, das traditionelle Unternehmen meist nicht haben. Zum anderen sind sie globale Cloud-Dienstleister, bei denen viele europäische Großunternehmen ihre Daten ohnehin schon verwahren. Es gibt keine europäischen Konkurrenten vergleichbarer Größe.

Die US-Unternehmen wollen diese Daten nicht nur verwahren, sondern auch gewinnbringend verwerten. Zwar müssen die traditionellen Unternehmen dem zustimmen. Und das ist riskant. Denn es droht die Gefahr, dass die Internet-Giganten irgendwann einen eigenen Mehrwert aus dem Datenschatz saugen – darin sind sie eh überlegen – und diesen Mehrwert nutzen, um selbst Versicherungen anzubieten oder Autos zu bauen.

Massive Geschäftsinteressen

Nur: Können die traditionellen Unternehmen ihnen den Datenzugang wirklich verwehren? Wenn ein solches Unternehmen erkennt, dass seine Produkte zukünftig nur noch verkäuflich sind, wenn sie mit umfassenden Software-Anwendungen versehen sind, und wenn es das dafür nötige Know-how nicht besitzt, dann entsteht ein starker Druck, Kooperationen mit den amerikanischen Internet-Giganten einzugehen. Das geschieht bereits: VW entwickelt mit Microsoft eine „Automotive Cloud“ zur Bereitstellung von Onlinediensten im Auto und vernetzt mit Amazon seine Werke und die von Zulieferern. Die Deutsche Bank entwickelt mit Google Cloud neuartige digitale Finanzdienstleistungen für Firmenkunden. Es droht also auch bei diesen Daten eine Vorherrschaft der US-Konzerne.

Hier ist es aber noch nicht zu spät. Seit 2019 wird die Entwicklung von GAIA-X vorangetrieben, einer europäischen Dateninfrastruktur mit eigener Cloud. Parallel arbeitet die Europäische Union an der Errichtung eines „Europäischen Datenraums“, der die rechtlichen Voraussetzungen für einen Binnenmarkt für Daten schafft, der den Namen verdient. Noch in diesem Jahr will die EU-Kommission ein Gesetz vorschlagen, das die Verwertung von nicht personenbezogenen Daten innerhalb der EU erleichtert, und eines zum Schutz des Wettbewerbs auf Digitalmärkten. Derzeit wird noch hinter den Kulissen gerungen. Massive Geschäftsinteressen sind im Spiel.

Hoffen wir, dass das Vorhaben gelingt – und wir nicht wieder das Feld den US-Amerikanern überlassen müssen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung