Meinung
Leitartikel

Die Corona-Pandemie ist auch eine Datenkrise

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Jens Meyer-Wellmann
Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Wellmann

Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Wellmann

Foto: Bertold Fabricius

Wir brauchen in der Krise endlich belastbare Daten. Sonst schwindet das Vertrauen der Bürger in die Politik.

Hamburg. Diese Pandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise – sie ist längst auch eine Datenkrise. Und sie zeigt nebenbei, wie mittelmäßig dieses Land bei der Digitalisierung aufgestellt ist. Weil Daten über Infektionen oder Verstorbene oft noch per Fax übermittelt werden, sind die Grundlagen mancher Entscheidungen veraltet. Zugleich bereiten staatliche Stellen ihre Daten auch noch nach unterschiedlichen Methoden auf. Heraus kommt bisweilen ein Zahlen-Wirrwarr voller Widersprüche, aus dem sich jeder herauspicken kann, was ihm passt.

So weichen die Sieben-Tage-Inzidenzen von Robert-Koch-Institut (RKI) und Senat seit Monaten stark voneinander ab. Lange hat Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betont, Hamburgs Zahlen seien genauer als die des RKI. Wenn es darum geht, Einschränkungen zu verkünden, wird vom Senat gern auf die höheren eigenen Zahlen verwiesen. „Guckt her, die Zahlen sind hoch, wir müssen handeln“, heißt es dann. Wenn der Senat dagegen zeigen will, wie gut seine Politik sei, nimmt er lieber die RKI-Zahlen: Die sind niedriger und lassen Hamburg besser dastehen. Auch wenn es um Grenzwerte für Einschränkungen geht, sind die RKI-Zahlen entscheidend.

Bei den Todeszahlen ist es genau andersherum: Hamburg zählt deutlich weniger Corona-Tote als das RKI. Das liegt daran, dass der Senat fast alle Verstorbenen, von denen eine Corona-Infektion bekannt ist, am Institut für Rechtsmedizin im UKE untersuchen lässt. So soll festgestellt werden, wer an oder wer nur mit Corona, also aus anderen Gründen, gestorben ist. Während das RKI alle infizierten Verstorbenen als Corona-Tote zählt, registriert Hamburg nur die Toten, die ganz sicher am Virus gestorben sind.

Das Vorgehen hatte zu Beginn der Pandemie Vorteile: Während das RKI im März noch vor Obduktionen warnte, machten sich die Hamburger Rechtsmediziner um Klaus Püschel furchtlos ans Werk und lieferten dabei wichtige Erkenntnisse – etwa darüber, dass Thrombosen und Embolien eine wichtige Rolle spielen und man mit Blutverdünnern die Überlebenschancen verbessern könnte.

Falsche Eindrücke

Zugleich aber führte der Hamburger Sonderweg zuletzt zu immer größerem Zahlenchaos. Wochenlang versäumte es die Sozialbehörde, die Todeszahlen auf der Senatsseite zu aktualisieren – während das RKI täglich öfter zweistellige Sterbezahlen für die Hansestadt meldete. Schließlich stand die Zahl der Corona-Toten in Hamburg noch bei 281, als das RKI längst mehr als 370 Tote regis­triert hatte. Verzögerungen durch die Untersuchungen im UKE erklären diese Abweichungen nicht hinreichend – denn diese Untersuchungen gab es seit März, die massiven Verzögerungen aber gibt es erst seit ein paar Monaten.

Hamburgs nachlässige Handhabung der Daten führte zu zwei falschen Eindrücken: Erstens konnte man meinen, in Hamburg stürbe niemand an Corona – während Dutzende Familien Angehörige an das Virus verloren. Und zweitens erschien es so, als sei ein Viertel der Infizierten nicht an Corona gestorben. Das aber ist Unsinn, wie sich am Dienstag zeigte. Da hatte offenbar jemand einen verlegten Datensatz gefunden – und auf einen Schlag hatte Hamburg auch beim Senat 59 Corona-Tote zusätzlich.

Ein so unprofessionell und willkürlich wirkender Umgang mit Zahlen ist gefährlich. Denn mit diesen Daten werden derzeit tiefe Einschnitte in die Rechte der Bürger begründet. Da wäre der Eindruck fatal, sie stimmten nicht, oder Politiker schnitzten sich die passenden Zahlen selbst. Politik, die das Vertrauen der Bürger behalten will, muss Entscheidungen gut begründen – mit korrekten, aktuellen und nachvollziehbaren Zahlen. Alles andere wäre Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern.

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