Meinung
Leitartikel

Schluss mit den Negativzinsen!

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Politik, EZB und Geschäftsbanken müssen ihren Kurs korrigieren – und zwar schnell.

Wer auf seine archivierten Kontoauszüge von 2008 und 2009 schaut, dürfte wehmütig werden. Vier Prozent Zinsen zahlten damals nicht wenige Banken aufs Tagesgeld, für fest angelegte Beträge gab es noch mehr. Heute erscheint im Feld mit den Zinserträgen eine Null – wenn man Glück hat. Denn mehr als 230 Banken in Deutschland verlangen von ihren Kunden bereits sogenannte Verwahrentgelte auf das Ersparte. Der Kunde muss dafür zahlen, dass seine Bank das Geld für ihn aufbewahrt. Und es zeichnet sich ab, dass diese Praxis in Zukunft für das Gros der Sparer zur Realität wird. Denn die Freigrenzen sinken stetig.

Banken und Sparkassen begründen ihre Verwahrentgelte, die eigentlich Strafzinsen sind, gerne mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Schließlich müssten sogar sie auf geparktes Geld bei der EZB Zinsen entrichten – zudem seien die strengen, bürokratischen Regeln der Politik im Nachklang der Bankenkrise derart teuer, dass man auch diese Kosten weitergeben müsse. Richtig ist: Die EZB nimmt Strafzinsen von den Geschäftsbanken für bei ihr hinterlegtes Geld, denn sie will, dass Kapital lieber in Form günstiger Kredite die Konjunktur ankurbelt und nicht auf Konten herumliegt. Richtig ist aber auch: Die EZB hat für die Geschäftsbanken großzügige Freibeträge eingeführt, auf welche keine Strafzinsen anfallen. Zudem muss mit Blick auf die angeblich so kostspieligen bürokratischen Regeln, die eine neue Finanzkrise verhindern sollen, die Frage an Bankvorstände gestattet sein: Warum mussten die neuen Verordnungen erlassen werden? Wer hat den Finanzsektor in Schieflage gebracht?

Strafzinsen sind wirtschaftlicher Unsinn und führen mit Blick auf die Altersvorsorge zu unkalkulierbaren Risiken

Den Sparern von heute bringen Antworten auf diese Fragen wenig. Sie sehen nur, dass es immer schwieriger wird, Geld noch sicher und zu einem vernünftigen Zins anzulegen. Nun kann man der Meinung sein, dass vor allem die Jüngeren mit Blick auf die Niedrigzinspolitik einfach nur ihr Anlageverhalten ändern müssen. Statt das Geld aufs Sparbuch zu legen, sollten sie nun eben Aktien kaufen oder frühzeitig Immobilien erwerben, für die sie sich allerdings extrem hoch verschulden müssen. Ob das gut geht oder am Ende nur den Weg in die nächste Immobilien- und Finanzkrise bedeutet? In zehn Jahren dürften wir es wissen. Und was ist mit der älteren Generation, die jahrzehntelang Geld zur Seite gelegt hat für die Rente – und heute jeden Monat auf diese Beträge angewiesen ist? Sie soll jetzt auf ihr Erspartes jährlich Strafzinsen im vierstelligen Bereich überweisen? Das kann weder ökonomisch noch politisch gewollt sein.

Strafzinsen sind wirtschaftlicher Unsinn und führen mit Blick auf die Altersvorsorge zu unkalkulierbaren Risiken. Geschäftsbanken sollten sich – auch mit Blick auf das ohnehin angespannte Verhältnis zu ihren Kunden – gut überlegen, ob diese Zinsen wirklich notwendig sind. Und die EZB muss ihre ultralockere Geldpolitik endlich korrigieren, weil diese realwirtschaftlich ohnehin verpufft. Ein Unternehmer, der bei nahe null Prozent Zinsen keinen Kredit aufnimmt, der will diesen Kredit offenbar nicht – wann versteht die EZB das endlich?

Eindeutiger Profiteur der Negativzinsen ist aktuell der Staat, denn er kann so günstig wie nie zuvor Schulden machen. So bringt eine zehnjährige Bundesanleihe aktuell einen Negativzins von 0,57 Prozent. Anleger bezahlen also Geld, um dem deutschen Staat Kapital leihen zu dürfen. Kurzfristig kann sich die Bundesregierung darüber freuen, denn die Negativzinsen erleichtern die Verschuldung. Sie führen aber auch dazu, dass die Bürger selbst nicht mehr in der Lage sind, verlässlich für die Rente vorzusorgen. Das wird teuer – und die Rechnung dafür wird eines Tages der Staat begleichen müssen.