Meinung
Leitartikel

Geheimsache Corona-Impfung?

Christoph Rybarczyk ist stellvertretender Leiter der Onlineredaktion beim Hamburger Abendblatt.

Christoph Rybarczyk ist stellvertretender Leiter der Onlineredaktion beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Marcelo Hernandez

Dass es bald losgeht, ist ein Segen. Aber die Kommunikation des Hamburger Senats sorgt für Verunsicherung.

Es ist eine der Segnungen der oft verteufelten Globalisierung, dass es so schnell einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus geben wird. Nur weil international vernetzte Forscher – unter anderem in Deutschland – mit Verbindungen nach China und in die USA so emsig und beharrlich daran forschen, leuchtet dieses Heilsserum gegen eine katastrophale Pandemie schon jetzt am Horizont auf. Mag es Biontech sein, Pfizer, CureVac oder IDT Biologika – wer den Impfstoff herstellt, wird einen sicheren und wirksamen Schutz anbieten.

Selbst wenn man sich, wie manche Experten erwarten, mit einer Impfung nur einen sechs Monate anhaltenden Schutz gegen eine Ansteckung und vor der tückischen Erkrankung Covid-19 erwirbt, ist das ein kleiner Schritt für einen Impfling, ein großer für die Menschheit. Sechs Monate Schule, sechs Monate Wirtschaft, sechs Monate Freiheit! Schon während des ersten Lockdowns war zu spüren, dass es für manche Unternehmen, für Gastronomie und Hotellerie um Tage ging, die über Leben und Tod ihres Geschäftsmodells entschieden. Ganz zu schweigen von den Schülern und Studenten, die trotz psychischen Ausnahmezustands einmal die Zukunft der Bildungsrepublik Deutschland sein sollen.

Impfstoff, Schnelltests: Hamburger haben entscheidend mitgearbeitet

Auch Hamburger dürfen sich rühmen, an der Entwicklung eines Impfstoffes mitgewirkt zu haben, an den nötigen klinischen Studien, an der Entwicklung von Corona-Schnelltests auf Antigen- und PCR-Basis wie das Familienunternehmen sanaGroup, wie die fähigen medizinischen Labore der Stadt, die rund um die Uhr die Tests auswerten. Das ist Schwarmintelligenz, die sich jetzt auszahlt. Unter früheren Annahmen würde man sagen: Dass so schnell ein Impfstoff gefunden wurde, ist schlichtweg irre!

Genauso irre ist leider auch, wie Hamburg mal wieder kommunikativ das Impfzentrum in den Sand gesetzt hat. Seit Wochen ist klar, dass es kommt, dass es die Messehallen werden, dass natürlich Hamburger Ärzte die Massenimpfung nach Bundesvorgaben durchführen und überwachen.

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Schlechte Kommunikation nährt den Boden für "Querdenker"

So klar die Idee dafür war und ist, so schlecht wurde es öffentlich verbreitet. Die bemühte Geheimhaltung um das Impfzentrum dient hier der Sache nicht. Sie nährt den Boden für sogenannte Querdenker, Impfgegner und allgemein Verunsicherte. Hier hätte ein krisenfester Senat um Bürgermeister Peter Tschentscher – ein Segen von einem Fachmann! – sich geschickter anstellen müssen. Die Corona-Pandemie hat gelehrt, nicht nur eine professionell aufbegehrende Opposition, sondern alle Betroffenen, also jede Bürgerin, jeden Bürger, auf die Reise mitzunehmen.

Es erhöht die Legitimität des gesamten politischen Prozesses, gerade in Ausnahmezeiten schnörkellos zu kommunizieren. Also sagen, was man über das Virus und seine Folgen für uns alle weiß – aber genauso, was man nicht weiß. Warum hat Hamburg nicht vom „Modell Christian Drosten“ gelernt? Dass ein Krisenstab einen kompetenten Kopf braucht, darauf hätte man auch im Senatsgehege des Rathauses mal kommen können.

Einen festen Experten kann man bei Bedarf in die Bütt schicken und die Lage kundig und vor allem öffentlich und schnell erklären lassen. Es gäbe exzellente Kandidaten innerhalb der Stadtmauern: Prof. Marylyn Addo vom UKE, Ärztekammer-Präsident Dr. Pedram Emami, ja auch dessen Vorgänger Prof. Frank Ulrich Montgomery und einige andere. Sie könnten die Medizin und die Maßnahmen exzellent und empathisch erklären. Dann hätte manch ein Politiker auch wieder mehr Zeit, an Last-Minute-Beschlussvorlagen für Treffen im Bundeskanzleramt zu feilen, ehe sie in die Welt getwittert werden.