Meinung
Leitartikel

Corona-Regeln: Wir müssen mehr Geduld wagen

Miriam Hollstein

Miriam Hollstein

Foto: David Hollstein

Für das Durcheinander bei den Corona-Regeln ist nicht allein die Politik verantwortlich.

Diesmal sollte alles anders werden. Weil der Corona-Gipfel beim letzten Mal chaotisch verlief und ergebnislos endete, hatten Bund und Länder Besserung gelobt. Vom jetzigen Treffen sollte ein Signal der Geschlossenheit ausgehen. Das hat nur so halb geklappt. Erst war von einem absoluten Böllerverbot die Rede, dann gab es doch keines. Mal sollten die Weihnachtsferien früher beginnen, dann wieder nicht. Von der Ein-Freund-Regel, die beim letzten Mal tagelang die Gemüter erhitzte, war keine Rede mehr. Quasi auf den letzten Metern wurde auch noch über mehr Abstand auf Bahnreisen beraten. Nachdem die Bahn wochenlang erklärt hatte, dass es bei Zugreisen kein erhöhtes Infektionsrisiko gibt.

In den vergangenen Tagen wurden viele Vorschläge und Gegenvorschläge hin- und hergesandt, um dann wieder verworfen zu werden. Kaum hatten die Länder sich auf eine gemeinsame Position geeinigt, verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), dass er nicht zufrieden mit dem Ergebnis sei und noch einmal „nachschärfen“ und „ergänzen“ wolle. Währenddessen ließ Schleswig-Holsteins Landesvater Daniel Günther (CDU) wissen, dass man in seinem Bundesland angesichts niedriger Infektionszahlen ohnehin einen Sonderweg gehen werde. Das stiftet Verwirrung statt Klarheit, vermittelt Orientierungslosigkeit statt politischer Führung.

Hinzu kommt, dass nicht jede Maßnahme einleuchtet. Erinnern Sie sich noch an die Regel aus dem letzten Lockdown, der zufolge nur Geschäfte bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern Verkaufsfläche wieder öffnen durften? Die erwies sich als so wenig sinnvoll, dass sie schnell wieder kassiert wurde. Schwer nachvollziehbar ist auch, warum Friseursalons beim letzten Mal ein Infektionsrisiko waren, diesmal aber nicht.

Trotzdem wäre es falsch, nur mit dem Finger auf die Politik zu zeigen. Man kann beklagen, dass der Föderalismus gerade in diesen Krisenzeiten Entscheidungsprozesse nicht eben einfacher macht. Der Konkurrenzkampf zwischen manchen Länderchefs tut sicher ein Übriges dazu. Aber wir sind nicht zuletzt deshalb bisher relativ gut durch die Pandemie gekommen, weil es keine von oben verordneten Pauschallösungen gab, sondern um jede einzelne Regel gekämpft wurde.

Es mag verlockend wirken, wenn man die Bilder aus China sieht. Dort herrscht nach totalem Lockdown in den betroffenen Regionen wieder Alltag. Die Menschen gehen zur Arbeit, feiern in Massen, als habe es nie eine Epidemie gegeben. Die Wirtschaft erholt sich. Von einer zweiten Welle ist dort nichts zu spüren. Doch der Preis dafür ist, dass Freiheiten massiv beschnitten und Kritiker weggesperrt oder mundtot gemacht wurden. Wäre China eine Demokratie, wäre es vielleicht gar nicht zu einem weltweiten Ausbruch der Pandemie gekommen. Weil die ersten Berichte über diese Gefahr nicht heruntergespielt und verschwiegen worden wären.

In Wahrheit ist nicht der Zank zwischen Bund und Ländern über die richtigen Corona-Regeln die eigentliche Ursache für das Durcheinander. Es ist vielmehr die Tatsache, dass wir in einer Demokratie leben. Auf die Frage, wie wir als Gesellschaft mit dem Virus umgehen wollen, haben wir bislang noch keine einheitliche Antwort. Zum Ringen darum gehört auch, dass es unterschiedliche Positionen gibt. Umso mehr, als das Leben mit der Pandemie völliges Neuland für uns alle ist.

Bis wir Antworten gefunden haben, sollten wir akzeptieren, dass es letzte Gewissheiten (noch) nicht gibt. Und sollten lernen, geduldiger mit denen umzugehen, die anderer Meinung sind. Corona zeigt uns, wie komplex unser Land ist. Das müssen wir aushalten.