Meinung
Meine Wilden Zwanziger

Corona-Weihnachten: Und wie besinnlich ist Ihnen zumute?

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Die Weihnachtszeit wird anders in diesem Jahr. Nein, den Rummel vermisse ich nicht. Vielleicht gibt es sogar ein ganz neues Fest.

Am Sonntag wird mit dem 1. Advent offiziell die Weihnachtszeit eingeläutet. Sie wird besinnlicher als die Jahre zuvor, meinen viele. Corona zwingt die Menschen, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Zur Ruhe zu kommen. Zeit mit sich selbst zu verbringen. Weihnachtsmärkte sind verboten, Restaurants geschlossen, Kontakte beschränkt. Aber erinnern sich die Menschen deshalb wieder daran, auf was es beim Fest der Liebe ursprünglich ankommt? Zählt Nächstenliebe wieder mehr als Geschenke? Wird Weihnachten dank Corona tatsächlich besinnlicher?

Zunächst ist Besinnlichkeit eine Definitionssache. Für den einen gehört es dazu, in großer Runde auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt mit gepanschtem Glühwein zusammenzukommen. Ein anderer zündet lieber zu Hause im Stillen eine Kerze an. Im Duden wird „besinnlich“ mit den Synonymen „nachdenklich“ und „beschaulich“ beschrieben. Diese Kriterien hat die Vorweihnachtszeit, wie ich sie in den vergangenen Jahren verbracht habe, definitiv nicht erfüllt. Von einem Weihnachtsmarkt zum anderen bin ich gehopst. Zwischen Filmabenden, Racletteessen und Weihnachtsfeiern mit dem Tennisteam und den Kollegen habe ich auf den letzten Drücker Geschenke besorgt. Mein Kalender war so voll, dass kaum Zeit zum Innehalten blieb. Das sieht in diesem Jahr anders aus. Bis auf eine virtuelle Weihnachtsfeier ist bei mir nichts geplant. Die Chance, eine entspannte, besinnliche Vorweihnachtszeit zu verbringen, scheint groß zu sein. Aber nutzen wir sie auch?

Seuchenjahr hin oder her – ich befürchte, viele Deutsche werden nicht zur Ruhe kommen. Sie werden zu sehr damit beschäftigt sein, sämtliche Familientraditionen unter erschwerten Bedingungen zu wahren. Auch Corona kann den ritualisierten Geschenkewahn nicht stoppen. Selbst wenn die Welt in Flammen stünde, bekäme Onkel Manni wie in jedem Jahr die x-te einfallslose Krawatte zur Bescherung überreicht. Ohne Sinn und Herz schenken: Das hat in vielen Familien Tradition wie der Gänsebraten. Leider. Weil das Einkaufen mit Maske und beschlagener Brille aber beschwerlich ist, wird 2020 noch mehr online als sowieso schon bestellt. Amazon wünscht frohe Weihnachten.

Ebenfalls muss man die Frage stellen: Wie besinnlich zumute ist den Menschen überhaupt im Corona-Jahr? Brauchen sie gerade jetzt Kekse, Lichterglanz und Weihnachtslieder? Oder verlieren sie bei „Last Christmas“ im Radio endgültig den Verstand? Unterschiedlicher könnte die Ausgangslage kaum sein: Vielen Menschen steht der Sinn überhaupt nicht nach Weihnachten, weil sie gerade ihre Existenz verloren haben oder noch um sie kämpfen. Der Reisebüroleiter musste seine Filiale schließen. Der Gastronom versucht, sich mit Außerhausverkäufen verzweifelt über Wasser zu halten. Und die Sängerin hält Ausschau nach einem Zweitjob, weil niemand Karten für ihre Konzerte verschenkt. Gleichzeitig fürchtet die Großmutter im Altenheim, Heiligabend nicht bei ihren Enkeln sein zu können, weil ihre Nähe sie das Leben kosten könnte. Für andere wiederum wird der Weihnachtsabend besonders harmonisch, weil sie endlich die offizielle Erlaubnis der Bundesregierung bekommen haben, die ungeliebte Schwiegermutter auszuladen. Ein weiterer Knackpunkt an der Festtafel ist das Streitthema Corona selbst. Wenn die rechts angehauchte Tante die Existenz des Virus leugnet, ist das fast so schlimm wie ihr AfD-Geschwätz über Asylanten.

Eigentlich ist es mit der Besinnlichkeit doch ähnlich wie in jedem Jahr: Es hängt von einem selbst ab, was man aus der Weihnachtszeit macht. Eines sollte jedoch klarer sein als je zuvor: Gesundheit ist das größte Geschenk, ein Abend im Kreise seiner Liebsten der Bonus.

Für mich geht es Weihnachten vor allem um Herzlichkeit. Darum, sich die Hände zu reichen (bitte nur im übertragenen Sinn). Gerade die Menschen, die gut durch die Krise gekommen sind, können jetzt ihre Herzen für andere öffnen. Dazu braucht es nicht viel Geld, nur ein bisschen Zeit und Liebe. Wie wäre es, dem netten Nachbarn, der als Pfleger im Krankenhaus arbeitet, eine Tüte mit Süßigkeiten vor die Tür zu stellen? Oder an Freunde eine Weihnachtskarte mit lieben Worten statt einer WhatsApp-Nachricht zu verschicken? Oder geliebten Menschen mal wieder zu sagen, wie froh man ist, dass es sie gibt? Das macht für mich die wahre Besinnlichkeit aus.