Meinung
Leitartikel

Rote Karte für Hamburgs hohe Mieten

Viele Neubauwohnungen in Hamburg stehen bereits leer – und das ist erst der Anfang.

Hamburg. Wohnen ist für viele Hamburger zu einem fast unbezahlbaren Luxus geworden. Schon lange ist es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel, dass Familien in der Stadt 40 oder mehr Prozent ihres Netto-Haushaltseinkommens jeden Monat für die Miete überweisen müssen.

Das liegt zum Teil daran, dass in nicht wenigen Branchen die Löhne in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den Gewinnen der Unternehmen kaum zugelegt haben. Doch das Hauptproblem sind die exorbitant gestiegenen Immobilienpreise einhergehend mit dramatischen Preiserhöhungen bei Neuvermietungen.

Tragische Logik für Hamburger Mieter

Das Problem: Wer sich eine teure Immobilie kauft, um sie zu vermieten, muss hohe Mieten verlangen, um noch eine Rendite zu erzielen. Das ist die tragische Logik für Mieter auf einem wenig regulierten Immobilienmarkt.

Doch offensichtlich stößt dieses Modell des „Immer mehr und immer teurer“ in Zeiten der Corona-Pandemie an seine Grenzen. Viele Beschäftigte haben ihre Jobs verloren, beziehen Kurzarbeitergeld oder blicken zumindest mit Skepsis auf ihre berufliche Zukunft. Da fällt es nicht nur schwer, sich im sechsstelligen Bereich für den Kauf einer Immobilie zu verschulden, sondern auch, hohe Quadratmeterpreise für eine neue Mietwohnung zu bezahlen.

Viele wagen das teure Abenteuer Umzug nicht

So bleiben viele nun lieber in ihren alten, eigentlich zu kleinen Wohnungen und wagen das teure Abenteuer Umzug nicht. An vielen Stellen in der Stadt sind die Folgen dieser Entwicklung bereits zu bestaunen. Egal ob es sich um große oder kleine Neubauprojekte handelt: Der Leerstand ist nicht zu übersehen. Und er wird in den kommenden Jahren wohl nur dann geringer, wenn die Bauherren bereit sind, von ihren hohen Mietforderungen Abstand zu nehmen.

Denn darauf zu setzen, dass Mieten nur den Weg nach oben kennen, wäre fahrlässig und realitätsfremd. Das liegt nicht nur an den kaum zu überschauenden ökonomischen Folgen der Pandemie für die Mieter von morgen. Auch die vielen bereits begonnenen oder beschlossenen Wohnungsbauprojekte in Hamburg werden das Angebot weiter erhöhen und sich eher dämpfend auf die Mieten auswirken.

Den Wohnungsbau anzukurbeln, war richtig

Die Stadt hat mit ihrer Politik, den Wohnungsbau in den vergangenen Jahren anzukurbeln, richtiggelegen. Und sie sollte in diesem Bestreben keinesfalls nachlassen. Denn bezahlbarer Wohnraum fehlt weiterhin – in nahezu jedem Stadtteil. Der aktuelle Leerstand betrifft vor allem teure Neubauwohnungen, die sich ohnehin nur ein kleiner Prozentsatz gut verdienender Hamburger leisten kann.

Staatlich geförderter, organisierter Wohnungsbau bleibt deshalb weiter eine der wichtigsten Aufgaben städtischer Politik. Denn zu teure Wohnungen sind längst kein Problem von kleinen Randgruppen, sondern belasten das Rückgrat dieser Stadt: die Mittelschicht. Der Preis- und Mietwahnsinn auf dem hiesigen Immobilienmarkt muss enden! Um dies auf Dauer zu erreichen, muss die Stadt beim Neubau von Wohnungen sogar das Tempo noch erhöhen.

Erstes Anzeichen für das Ende des Immobilienbooms

Der aktuelle Corona-Schock für Vermieter neuer Wohnungen ist hoffentlich ein heilsamer. Denn die Schere zwischen Einkommen und Mieten muss sich schließen – daran führt kein Weg vorbei. Es wird Zeit, dass Immobilienbesitzer von ihren Renditevorstellungen Abstand nehmen. Dass sich hohe Mieten bereits nicht mehr realisieren lassen, ist ein erstes Anzeichen für das Ende des Immobilienbooms.

Auch beim Verkauf von Häusern und Wohnungen werden Eigentümer bald Abstriche machen müssen. Das dürfte einige in der Stadt traurig stimmen, das Gros der Menschen aber eher nicht. Diese Entwicklung wird nichts anderes sein als eine notwendige Kurskorrektur auf einem Markt, der kaum noch zu bändigen schien.