Meinung
Leben in den wilden Zwanzigern

Wer braucht die Kampagne #besonderehelden?

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin  des Abendblatts.

Annabell Behrmann (28) ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Eine Video-Kampagne soll junge Leute zum Zu-Hause-Bleiben animieren. Mir sind wirklich besondere Menschen lieber.

Hamburg. Mit der neuen Kampagne #besonderehelden will die Bundesregierung junge Leute dazu motivieren, während der Corona-Krise zu Hause zu bleiben. Drei Videos wurden in den vergangenen Tagen veröffentlicht – die Meinungen könnten nicht geteilter sein. Im ersten Video erinnert sich ein älterer Mann namens Anton Lehmann in einer fernen Zukunft, wie er den Corona-Winter 2020 als 22-jähriger Maschinenbau-Student erlebt hat. Das Setting mutet wie in einer Dokumentation über den Krieg an. „Eine unsichtbare Gefahr bedrohte alles, woran wir glaubten“, erzählt Lehmann. Dramatische Musik läuft. „Das Schicksal des Landes lag plötzlich in unseren Händen.“ Also hätten sie getan, was von ihnen erwartet worden sei: „Absolut gar nichts. Waren faul wie die Waschbären.“

In den darauffolgenden Sequenzen gammelt der junge Student auf dem Sofa herum. „Manchmal muss ich fast ein bisschen schmunzeln, wenn ich an diese Zeit zurückdenke“, sagt der alte Lehmann am Ende des eineinhalbminütigen Clips.

Die einen feiern, dass die Regierung mit dem Video endlich mal Humor beweisen würde. Die anderen sind empört, weil der Film nur privilegierte Menschen abbilde, die das Glück hätten, zu Hause bleiben zu können. Existenzängste, das Leid der Soloselbstständigen oder häusliche Gewalt seien völlig außer Acht gelassen. Viele Ältere springen nun für die Adres­saten, die Jugend, in die Bresche: Das Video sei stigmatisierend. Auch junge Leute hätten wegen Corona Sorgen.

Merkwürdiger Wettkampf

Na endlich! Den Aufschrei hätte ich mir früher gewünscht. Warum muss erst ein solcher Film erscheinen, damit die Stigmatisierung der Jungen mal bemängelt wird? Seit Wochen steht die Generation wegen der steigenden Infektionszahlen in der Kritik. Natürlich auch zu Recht. Was mich aber stört: Die jungen Menschen, die sich an alle Regeln halten, werden häufig in einen Topf mit den Partylöwen geschmissen. Die Differenzierung, die viele in dem Video vermissen, täte uns auch in der Realität gut.

Momentan habe ich den Eindruck, als wäre eine Art Battle in der Gesellschaft ausgebrochen. Wen trifft die Krise am härtesten? Wer leidet am meisten? In der Kommentarspalte bei Facebook unter einem Artikel zum Video beklagt ein Student, er könne sich seine Wohnung nicht mehr leisten, weil ihm sein Gastro-Nebenjob weggebrochen sei. Er fühle sich von der Regierung veräppelt. Eine Mutter, ein Kulturschaffender und eine ältere Dame kommentieren, warum es ihnen aber noch viel schlechter gehen würde.

Ist das ein Wettkampf? Wenn ja, möchte ich nicht gewinnen. Mir fehlt das Mitgefühl füreinander. Empathie kann zwar nicht die finanziellen Lücken schließen, die Corona gerissen hat. Aber das Gefühl, verstanden zu werden, nicht alleine zu sein, würde es – zumindest in meiner romantischen Vorstellung – ein wenig erträglicher machen. Das ist auch das Problem, das ich in dem Video sehe: Viele Menschen jeglicher Altersklassen und Branchen fühlen sich von der Regierung unverstanden.

Alten Menschen läuft die Zeit davon

Der Film streut Salz in die Wunde. Dabei ist er rein aus handwerklicher Sicht nicht schlecht gemacht. Produziert hat ihn die Firma der Comedians Joko und Klaas. Sie sprechen die Sprache der Jugend. Wäre das Video in einer ihrer Sendungen ausgestrahlt worden, wäre es garantiert besser angekommen. So oder so bezweifle ich aber, dass junge Leute wegen eines lustigen Filmchens ihr Verhalten überdenken und sich auf dem Schulhof eineinhalb Meter weiter auseinanderstellen. Ist Humor in dieser Situation überhaupt angebracht?

Vor zwei Wochen hat mir ein Leser seine Sicht auf die Corona-Lage geschildert. Mit seinen 77 Jahren befinde er sich auf der Zielgeraden seines Lebens. In seinem Alter müsse er im Falle einer Ansteckung mit dem Schlimmsten rechnen. Freunde treffe er nicht mehr, das Theaterabonnement ruhe. Keine Restaurantbesuche. Keine Ausflüge. Keine ehrenamtliche Tätigkeit mit sozialen Kontakten. „In meinem Alter sollte man eigentlich jeden Tag so genießen, als wäre es der letzte. Aber nun haben wir die Einschränkungen, und die Zeit läuft mir davon ...“, schrieb er.

Dieser Brief hat mich so berührt, dass ich am liebsten alle Corona-Leugner, unvernünftigen Jungen und Alten zu Hause eingesperrt hätte, damit der Mann wieder ins Theater gehen kann. Vielleicht hätte ein emotionales Video mit Botschaften wie diesen die Leute mehr abgeholt.