Meinung
Leitartikel

Nationalmannschaft: Löws Zeit ist abgelaufen

Der Autor ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Der Autor ist Sportchef beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Andreas Laible / HA

Der starrsinnige Bundestrainer Joachim Löw hat das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt. Schenkt der DFB jetzt die EM ab?

Hamburg.  Ist Joachim Löw noch der richtige Trainer der Fußball-Nationalmannschaft? Unter den Digital-Nutzern des Fachblatts „Kicker“ fiel – in einer nicht repräsentativen Umfrage – das Urteil eindeutig aus: 94 Prozent entzogen ihm das Vertrauen. Schon länger ist die Diskussion um die Zukunft des 60-Jährigen in vollem Gange. Doch nach dem 0:6-Debakel in Spanien ist der Glaube auf ein Minimum gesunken, dass die DFB-Auswahl im Sommer eine gute Rolle bei der Europameisterschaft (sofern sie denn wirklich stattfindet) spielen könnte.

Also Löw sofort feuern? Wer sich sträubt, könnte anführen: Erstens hat der Verband den richtigen Zeitpunkt für das Ende der Ära Löw nach dem blamablen Aus bei der WM 2018 in Russland verpasst. Wenige Monate vor dem Beginn der EM-Endrunde den Bundestrainer zu tauschen, wäre ein Stück weit panischer Aktionismus. Einem Nachfolger bliebe kaum Zeit, das Innenleben der Mannschaft kennenzulernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Schließlich trifft sich die Nationalelf erst wieder im März zu Testspielen.

Zweitens könnte man die Frage nach der Alternative stellen. Ein Ralf Rangnick beispielsweise ist kein Feuerwehrmann. Und Jürgen Klopp, der für viele Deutsche sicher der Wunschkandidat wäre, steht in Liverpool noch bis 2024 unter Vertrag und soll in England 18 Millionen Euro pro Jahr verdienen.

Löw setzt Leistungsprinzip außer Kraft

Klar, die Argumente sind nicht zu leugnen. Und dennoch hat diese von den Spaniern verabreichte Tracht Prügel nur noch einmal verdeutlicht, dass die Zeit für Löw längst abgelaufen ist. Dass er zum wiederholten Male nicht in der Lage war, Einfluss auf den Verlauf der Partie zu nehmen, zeichnete kein positives Bild von seinen Coaching-Qualitäten. Noch negativer aber fällt ins Gewicht, dass ihm, anders als manchem seiner Vorgänger, hochtalentiertes Spielermaterial zur Verfügung steht, er das Mannschaftspuzzle aber nicht sinnvoll zusammenzusetzen vermag.

Mit seiner starrsinnigen Linie, einmal aussortierte Spieler wie Thomas Müller oder Mats Hummels nicht mehr zu nominieren, hat Löw das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt. 2018 mag es eine nachvollziehbare Entscheidung gewesen, den Umbruch bewusst voranzutreiben, um den nachrückenden Spielern Platz zur Entfaltung zu verschaffen.

Sich aber zu weigern, zwei Jahre später einzelne Personalien neu zu bewerten und statt Hummels lieber einen Jonathan Tah einzuwechseln, der noch nicht einmal bei Bayer Leverkusen einen Stammplatz hat, ist der falsche Weg. Und wer sich am Dienstagabend den Auftritt von Toni Kroos angeschaut hat, dem könnte außerdem der Gedanke kommen, dass der Bundestrainer die falschen Namen von seiner Liste gestrichen hat.

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Mit Löw verschenkt der DFB die EM

In der Öffentlichkeit hat Löw längst den Rückhalt verloren. Ob er nach solch blamablen Auftritten wie in dieser Woche noch die nötige Autorität bei seinen Spielern genießt, ob sie bereit sind, ihm bedingungslos zu folgen, ob er in der Lage ist, dem Team eine Struktur mit Führungsspielern zu verpassen, die nicht bei Windstärke vier zerbröselt, ist fraglich. Das Risiko ist in Summe deshalb groß, mit dem stark angeschlagenen Löw die EM zu verschenken.

Ein Nachfolger hätte immerhin die Chance, neue Impulse zu setzen. Ein häufig gespielter Name für eine Neubesetzung ist Hansi Flick, der das Starensemble der Bayern zu einer Einheit geformt hat. Ihm eine begrenzte Doppelfunktion für das Turnier anzuvertrauen, wäre eine charmante Idee, dürfte aber in München kaum durchzusetzen sein. Infrage käme deshalb auch U-21-Trainer Stefan Kuntz, der 2017 den EM-Titel mit dem Nachwuchs feiern konnte. Der Gegner damals im Finale: Spanien.