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Haben Facebook & Co. ihr Gewissen entdeckt?

Hajo Schumacher  über unheimliche  Machtallianzen, die  aus Zufall entstanden.

Hajo Schumacher über unheimliche Machtallianzen, die aus Zufall entstanden.

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

Vor der US-Wahl wurde plötzlich Hetze verbannt – auch zum Schaden des eigenen Geschäftsmodells. Doch es gibt eine Erklärung.

Zu den putzigsten Paradoxien dieser US-Wahl gehörte das Agieren der großen Meinungsmaschinen im Silicon Valley, allen voran Facebook und Twitter, die die Tweets des künftigen Ex-Präsidenten mit Warnhinweisen versehen. Warum torpedierten die Milliardenkonzerne ihr eigenes Geschäft?

Die Kernidee des sozialen Netzwerks ist ja brillant: Nutzer liefern kostenlos Inhalte und Daten, künstliche Intelligenz passt auf, dass keine nackten Brüste zu sehen sind, die Daten werden für Werbezwecke versilbert, Inhalte, die viel Engagement versprechen, werden bevorzugt verbreitet, extremistischer Mist zum Beispiel. Dreck schleudern gehöre zur Meinungsfreiheit, erklärte Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Warum aber wurden dann kurz vor der Wahl die miesesten Hetzer plötzlich verbannt? Warum ließ der auf „Reibungslosigkeit“ versessene Zuckerberg plötzlich Bremsen beim geldbringenden Weiterempfehlungsalgorithmus einbauen, warum mehr Aufpasser einstellen? Warum verzichtete der Konzern auf Politik-Reklame? Weshalb also wurde auf Einnahmen verzichtet?

Panische Eilfertigkeit der Netzwerkbetreiber

Die Erklärung: Der Schock über das eigene Versagen bei der Trump-Wahl 2016 saß tief. Was, wenn sich eine Wiederwahl Trumps erneut auch auf das Wirken der digitalen Höllenmaschinen zurückführen ließe? Die panische Eilfertigkeit der Netzwerkbetreiber ist zugleich das Eingeständnis, dass manches aus dem Ruder gelaufen war, vermutlich sogar unabsichtlich. Denn es wurden ausgerechnet Funktionen gedrosselt, die bislang für satte Gewinne sorgten, gerade so, als würden deutsche Autobauer statt aufgemotzter SUV plötzlich kluge Autos bauen. Während Verschwörungsfreunde hinter dem Agieren der großen Internetkonzerne gern ein finsteres Spiel sahen, ist die Realität wohl deutlich unspektakulärer: Es wirkte der Zufall.

Steve Jobs ahnte von den revolutionären Dynamiken des iPhones und seiner Apps anfangs ebenso wenig, wie die Google-Gründer planten, den klassischen Medienmarkt zu zerstören, oder Amazons Jeff Bezos den Tod des freien Marktes ersann. Vieles geschah eher zufällig und beschleunigte einander so lange, bis die digitalen Dämonen so mächtig wurden wie der Besen, den Goethes Zauberlehrling aus Spaß probieren wollte.

Extremisten untergraben parlamentarische Systeme

Wer konnte ahnen, dass sich aus dem Werk einiger begnadeter Tüftler unheimliche Machtallianzen entwickeln würden? Auch freiheitliche Staaten interessieren sich für chinahafte Überwachungstechnologie, Extremisten untergraben parlamentarische Systeme, Konzerne versuchen, Kunden zu Kauf-Robotern zu transformieren. Weil IT und KI nicht nur Helfer, sondern zugleich Waffen sind, ist ein Konflikt herangereift, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Es geht nicht mehr um den Klassiker „Staat gegen Markt“, sondern um ein Bündnis ausKonzernen, Staaten, Kartellen und Geheimdiensten, die alle dasselbe wollen: die totale Kontrolle des Individuums.

Statt des freiheitlichen Menschen- oder Gesellschaftsbildes, auf dem unser Grundgesetz ruht, drängen Geschäftsmodelle und Machtsysteme nach vorn, die auf Ausrechenbarkeit und Steuerung basieren. Über gut zwei Jahrhunderte haben wir unser Menschsein über den Zentralwert der unverhandelbaren Menschenwürde definiert, dem die Idee von Gleichheit innewohnte. Nun ersetzen scheinbar eindeutige Zahlen weite philosophische Begriffe. Wir sind nicht länger gleich, weil wir Menschen sind, sondern ungleich wegen unterschiedlicher Daten.

Netzwerke haben aus vier Jahren Trump gelernt

Es spricht für Facebook, Twitter und die anderen Netzwerke, dass sie aus vier Jahren Trump gelernt und ein wenig Verantwortung entdeckt haben. Aber wenn sie wirklich ernsthaft gegen Hass und Manipulation vorgehen wollten, dann müssten sie teure Prüfapparaturen aufbauen. Verlage und Sender kennen das Prinzip ­– es nennt sich Redaktion.

Seine digitalen Abenteuer beschreibt Hajo Schumacher in seinem neuen Buch „Kein Netz! Geld, Zeit, Laune, Liebe – Wie wir unser wirkliches Leben zurückerobern“ (Eichborn-Verlag).