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Warum die Uefa die EM absagen sollte ...

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Kai Schiller
Kai Schiller ist  Chefreporter Sport des Hamburger Abendblatts.

Kai Schiller ist Chefreporter Sport des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

… dies aber auf keinen Fall machen wird. Die Geschichte einer hübschen Idee, an die sich in Corona-Zeiten keiner mehr erinnert.

Hamburg. Am Anfang war es nur eine Idee. Die Idee war, zum 60. Geburtstag der Fußball-Europameisterschaft ein Turnier auszurichten, das den ganzen Kontinent eint. Ein großes paneuropäisches Fest, das keine Grenzen kennt. In zwölf Ländern sollte diese einmalige Fußball-Party stattfinden. Man bräuchte auch keine zusätzlichen Stadien oder Flughäfen zu bauen, sondern könnte auf die bestehende Infrastruktur zurückgreifen. Es wäre eine gesamteuropäische Party, die dieser in die Jahre gekommene Kontinent so noch nicht gesehen habe. „Mir gefällt dieser Gedanke“, sagte der Ideengeber.

2012 war es, als Michel Platini, der Ideengeber, diese Sätze gesagt hat. „Ich hoffe, dass es ein Fußballfest sein wird“, sagte der Franzose. „Europa ist ein großer Kontinent mit großer Vielfältigkeit. Es wird großartig sein zu sehen, wie der ,Motor‘ Fußball funktioniert.“

Corona-Krise hat kapitalistische Wachstumsbranche in die Knie gezwungen

Acht Jahre später stottert der „Motor“ Fußball nicht nur, er hat einen Totalschaden erlitten. Die Corona-Krise hat auch die kapitalistische Wachstumsbranche gnadenlos in die Knie gezwungen. Clubs, die in den vergangenen Jahren mit Millionen jongliert haben, müssen sich um ihre Existenz sorgen. Fans, die nicht mehr in die Stadien dürfen, kehren dem Giganten-Business den Rücken. Die erste Halbzeit der deutschen Nationalmannschaft am Mittwochabend gegen Tschechien, die zumindest unterhaltsam war, sahen weniger Menschen live als Horst Lichters Show „Bares für Rares“. Die Blase, die in den vergangenen Jahren immer größer und größer und größer wurde, droht zu platzen.

Und Michel Platini? Gesperrt, gedemütigt, zurückgetreten. 2015 gab die Ethikkommission der Fifa bekannt, dass Platini für acht Jahre gesperrt wird. Die Sperre wurde ein paar Monate später zunächst auf sechs Jahre, ein Jahr später durch den Sportgerichtshof Cas um weitere zwei auf vier Jahre reduziert. Daraufhin verkündete Platini seinen sofortigen Rücktritt als Uefa-Präsident. Nur seine Idee von der größten EM-Party aller Zeiten überlebte. Bis jetzt. Bis Corona.

Was ist eine EM ohne Zuschauer wert?

In der Theorie soll diese EM noch immer wie geplant stattfinden. Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2021. In elf europäischen Metropolen und mit Baku in einer asiatischen Stadt. In der Praxis dürfte aber allen Entscheidungsträgern schon jetzt klar sein, dass dieses globale Weltereignis in dieser Form auf keinen Fall stattfinden kann – auch nicht, wenn sich das Infektionsgeschehen in den kommenden Monaten etwas entspannt.Was also tun? Die wahrscheinlichste Variante: Es wird eine abgespeckte Form geben. In ein, zwei, drei oder vier Städten. Ohne oder nahezu ohne Zuschauer.

Bleibt nur die Frage: Was ist eine EM ohne Zuschauer wert? Ohne Public Viewing? Ohne gemeinsame Grillfeste, auf denen auch über Island gegen Ungarn („Habt ihr die 10.000 Isländer und ihr ,Huh‘ gesehen?“) oder Wales­ gegen Belgien („Wahnsinn, diese Waliser“) philosophiert wird?

Fußball ist ein Geschäft

Bei der WM 2018 in Russland fuhren Brasilianer und Russen gemeinsam mit dem Nachtzug von Sotschi nach Rostow am Don – und tranken Wodka. 15 Stunden quer durch die südrussischen Republiken Adygeja und Krasnodar, in denen man Putin Putin sein ließ und auf die Freundschaft anstieß. Es sind Erlebnisse wie diese, die Europameisterschaften und Weltmeisterschaften zu dem machen, was sie sind – oder waren: einzigartige Volksfeste.

In Zeiten von Corona wird all das nicht möglich sein: keine 10.000 Huh-Isländer, keine wahnsinnigen Waliser und auch keine Nachtzugfahrten quer durch den Kontinent. Man könnte also entscheiden, die EM abzusagen. Weil eine EM ohne Fans keine EM ist. Weil die Sorge vor Superspreaderevents einfach zu groß ist. Weil der ohnehin viel zu aufgepumpte Spielplan sich dadurch entspannen würde und die Gladiatoren in kurzen Hosen endlich mal pausieren könnten. Und vor allem: weil von der ursprünglich hübschen Idee ohnehin schon lange nichts mehr übrig ist.

Oder man zieht es einfach gnadenlos durch. Fußball ist ein Geschäft, es geht um Milliarden. Corona hin oder her: Die Show muss weitergehen.

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